The Pop Rivets

gegründet 1977

Biografie

Billy Childish

geboren 1959 als Steven John Hamper in Chatham, Kent, England; lebt in Chatham

1976 verlässt die Schule und arbeitet in der Schiffswerft von Chatham

1977–1978 Studium am Medway College of Design, Kent; wird Mitglied der Medway Poets

1978–1981 Studium an der Saint Martin’s School of Art, London; in dieser Zeit (1978–1981) befreundet mit Peter Doig und Tracey Emin, mit der er einige Zeit eine Beziehung führt

1999 gründet er gemeinsam mit Charles Thomson die Kunstbewegung Stuckism, von der er sich 2001 distanziert

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Die Malerei von Billy Childish wirkt wie aus der Zeit gefallen. Der Künstler orientiert sich formal am Expressionismus und insbesondere an den Werken von Vincent van Gogh und Edvard Munch. Bei der Wahl seiner Sujets zieht er literarische Figuren und Bilder des ausgehenden 19. Jahrhunderts als Vorlagen heran und gibt diesen seine eigenen Gesichtszüge. Auch seine eigene Person inszeniert er seit Jahren in einem dandyhaften Retrostyle.

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1999 gründet er zusammen mit Charles Thomson die Bewegung Stuckism, deren Name von dem kritischen Zuruf »You are stuck!« abgeleitet ist und die gegen die marktorientierten Werte und Diktate des Kunstbetriebs protestiert. Nach zwei Jahren verlässt er die Bewegung wieder.

Childish ist zu internationaler Bekanntheit gelangt, obwohl die Kunstkritik seine Werke lange Zeit als naiv, roh und vor allem nicht eigenständig abgetan hat und er selbst dem vereinnahmenden Kunstmarkt kritisch gegenübersteht.

Autor_in: Daniela Hahn

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Musik

Musik

1977 gründet Childish mit The Pop Rivets seine erste Punkband, bei der er als Sänger auftritt. Zeitgleich bringt er das Punkfanzine Chatham’s Burning heraus. 1981 lernt er Gitarre spielen und gründet The(e) Milkshakes, seine bislang erfolgreichste Band, die unter dem Einfluss von Blues und Rock ’n’ Roll steht und sich damit von seiner ersten Punkband absetzt.

Die Tonträger seiner zahlreichen weiteren Bands, bei denen er mehrfach als Frontmann auftritt, und seiner Soloprojekte wie auch der Zusammenarbeit mit der britischen Singer-Songwriterin Holly Golightly bringt er ausschließlich auf Independent Labels heraus.

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1986 gründet Childish das Label Hangman Records. Angelehnt an seinen Verlag Hangman Books, ziert auch dieses Label ein Galgen. Unter den von ihm produzierten Gruppen finden sich »Musikperlen« des britischen Undergrounds wie The Len Bright Combo, The James Taylor Quartet und The Prisoners, aber auch die Goldenen Zitronen.

Zuletzt trat er mit seinem 2005 gestarteten Musikprojekt Wild Billy Childish and the Musicians of the British Empire auf. Immer häufiger steht er jedoch als Solokünstler mit einer Gitarre auf der Bühne und trägt zwischen den Songs seine Gedichte vor.

Autor_in: Daniela Hahn

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

The Pop Rivets, Live at Detling Village Hall, GB, 1977, mit Brand Buds (guit.), Wild Billy Childish (voc.), Big Russ (bass guit.), Little Russ (dr.), 3:50 min

Film: Tish Hughs, Courtesy: Neugerriemschneider, Berlin

Das Video entstand anlässlich des ersten Konzertes von The Pop Rivets 1977 in der Detling Village Hall, Kent. Childish hat die Band im selben Jahr gegründet und tritt furios singend als Wild Billy Childish auf. Begleitet wird er, ganz in der Manier des britischen Punks, von lautstarken Gitarren und einem tonangebenden Schlagzeug. Das im Hintergrund in großen Lettern prangende »GASH« (klaffende Wunde) unterstreicht lautmalerisch das punkige Szenario und kann als Aufruf zum Widerstand gelesen werden.

Essay

Essay

Billy Childish ist Maler, Schriftsteller, Musiker und Verleger, geboren als Steven John Hamper 1959 in Chatham, Kent, England, wo er heute noch lebt. Seine Erscheinung erinnert an eine Person des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ein breiter Schnauzbart prägt sein Gesicht. Er trägt fast immer einen Hut, weite Hosen mit einem großen Gürtel oder Hosenträger, dazu ein Hemd mit Fliege und eine schlichte, häufig patinierte Jacke. Sein Auftreten ist Programm. Notorisch lehnt er die moderne Welt mit all ihrer Technik und dem Automatisierungswahn ab und entzieht sich mit seiner kämpferischen Punkattitüde der Vereinnahmung und Einordnung.

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Childish erhält nur eine dürftige Schulausbildung. Stigmatisiert durch eine nicht diagnostizierte Legasthenie und schwere Familienverhältnisse, verlässt er mit 16 Jahren die Schule und arbeitet in der Schiffswerft in Chatham. Ein Jahr später, 1977, beendet er diese für ihn quälende Arbeit und schreibt sich am Medway College of Design in Kent ein. Childish ist Mitglied der 1979 formierten The Medway Poets, einer Gruppe ambitionierter Literat_innen, die gemeinsam mit Punkbands auftreten und ihre Gedichte vortragen. Da er keinen schulischen Abschluss vorweisen kann, gelingt es ihm 1978 nur dank seines hervorragenden Portfolios in die renommierte Saint Martin’s School of Art in London aufgenommen zu werden. Dort lernt er den Maler Peter Doig kennen, der bis heute einer seiner engsten Vertrauten ist. 1981 gründet er den Verlag Hangman Books und wird im selben Jahr – aufgrund publizierter obszöner Gedichte – der Schule verwiesen. Nach dem Rausschmiss beginnt eine Zeit der künstlerischen Odyssee. Er malt, publiziert seine Gedichte und Romane, gründet Künstler_innengruppen und tourt mit seinen Musikbands durch die ganze Welt.

1999 gründet Childish gemeinsam mit Charles Thomson, den er schon von den Medway Poets kennt, die Kunstbewegung Stuckism. Deren Vertreter_innen sehen sich als figurative Maler_innen und lehnen die Konzeptkunst ab. In ihren Manifesten fordern sie die Erneuerung der spirituellen Werte von Kunst, Kultur und Gesellschaft. Auch der Kunstmarkt steht in ihrer Kritik, und sie demonstrieren gegen den Turner Prize. Geprägt wurde der Begriff des Stuckism von Charles Thomson. Als Vorlage diente ein Gedicht Childishs, in welchem dieser die Kritik seiner Ex-Freundin Tracey Emin, er sei mit seiner Kunst in einer Sackgasse, verarbeitete: »Your paintings are stuck, you are stuck! – Stuck! Stuck! Stuck!« 2001 verlässt Billy Childish die Stuckism-Bewegung.

Durch seine zwiespältige Haltung gegenüber dem Kunstmarkt ist seine Ausstellungsbeteiligung längere Zeit marginal, und die Kunstkritik bewertet seine Werke als naiv, roh und nicht eigenständig genug. Erst 2010 gelangt er auf der Kunstmesse Art Basel mit seiner Malerei zu internationaler Bekanntheit. Bald darauf hat er Ausstellungen in New York und London.

Childish greift in seiner Kunst auf kunsthistorische Vorbilder zurück. Als Student begeistern ihn Dada und die Werke Kurt Schwitters. Seine Gemälde und Holzschnitte sind immer figurativ und meist autobiografisch. Stilistisch orientiert er sich am Expressionismus, vorrangig am Malstil von Vincent van Gogh und Edvard Munch, darüber hinaus am Fauvismus, Pointillismus, der russischen Avantgarde und den Künstlern der »Brücke«. Sein Interesse an Farben und deren gezielten Einsatz in seinen Bildern entwickelt er durch seine frühe Beschäftigung mit den Fauvisten. Farbe bedeutet für ihn Freiheit und erlaube seinen Bildern »zu tun, was sie wollen« (Interview mit Childish, 2010).

Er zieht es vor, mit Ölfarben zu malen, und verwendet nie Acrylfarbe. Childish ist ein schneller Maler, ganze Werkgruppen entstehen in wenigen Stunden. Bewusst setzt er einen groben, dilettantischen Pinselstrich ein, da er in jeder Spezialisierung und Perfektionierung einen Selbstbetrug sieht. Mit seinem Malstil, den er selbst als einen großformatigen Pointillismus beschreibt, will er zugleich die Gesamtheit und die Zerbrechlichkeit unserer Umwelt darstellen.

Die Sujets seiner Bilder sind vorwiegend in Haltung und Kleidungsstil dem ausgehenden 19. Jahrhundert entsprungene Personen vor dem Hintergrund einer herbstlich oder winterlich melancholischen Landschaft. Häufig zieht der Künstler literarische Gestalten als Vorlage für seine Figuren heran. Er vermengt die Vorlage mit anderen historischen Personen und sich selbst. Daher tragen die Dargestellten nicht selten die Gesichtszüge Childishs, womit sich der Maler selbst in diese vergangene, (romantisiert) verklärte Zeit zurückversetzt. Auch prägnante Daten der Geschichte werden zu Titeln und Inhalten seiner Bilder, etwa in 1914 das Jahr, in dessen Sommer der Erste Weltkrieg ausbrach. Hier stellt Childish einen trauernden Soldaten im Schnee dar.

Seine Musik

Der Song »Anarchy in the U.K.« der britischen Punkband The Sex Pistols ist für den 17-jährigen Childish ein erweckendes Musikerlebnis. Ein Jahr später, 1977, gründet er seine erste Punkband, The Pop Rivets, bei der er als Sänger auftritt, und bringt sein Punkfanzine Chatham’s Burning heraus. 1979 nehmen The Pop Rivets ihre erste Platte mit dem pointierten Titel Greatest Hits auf und touren durch Europa. Zwei Jahre danach lernt Childish Gitarre spielen und gründet The(e) Milkshakes, seine bisher erfolgreichste Band. Ihre Konzerttourneen führen in die USA und nach Japan. Blues und Rock ’n’ Roll sind die Haupteinflüsse der Milkshakes, die sich damit musikalisch von den punkigen Pop Rivets absetzen. 1984 veröffentlichen sie an einem Tag gleich vier Platten. Billy Childish ist wie auch in der Kunst ein schneller Arbeiter: Ganze Musikplatten nimmt er meist in weniger als zwei Tagen auf. Da verwundert es nicht, dass auch die Liste seiner Bands lang ist. Meist als Frontmann, aber auch als Solokünstler oder in enger Kooperation mit der britischen Singer-Songwriterin Holly Golightly steht er auf der Bühne und veröffentlicht Platten. Seine Tonträger erscheinen ausschließlich auf Independent Labels. Interviews mit großen Musikmagazinen und MTV verweigert er.

1986 gründet er sein Label Hangman Records. Name und Logo (ein Galgen) sind angelehnt an seinen Verlag Hangman Books. Unter den von ihm produzierten Platten finden sich »Musikperlen« des britischen Undergrounds, etwa Aufnahmen von The Len Bright Combo, The James Taylor Quartet oder The Prisoners, aber auch von den Goldenen Zitronen. Zum Plattenlabel Hangman Records sagt der Künstler selbst: »It’s a bloody joke! … We are highly talented business losers.« (Spex, 11 [1988]) Er führt weiter aus, dass alles, was sie machten, nur geschah, um den Leuten zu zeigen, dass es möglich ist, Musikplatten zu machen, ohne kommerziell erfolgreich zu sein.

Seit 2005 steht er mit dem Bandprojekt Wild Billy Childish and the Musicians of the British Empire auf Londoner Bühnen. Er tritt auch als Solokünstler mit Gitarre auf und trägt zwischen den Songs seine Gedichte vor. Nicht zuletzt wegen seiner vielseitigen Musikprojekte und regen Aktivität gilt Childish als legendäre Figur in der Musikszene. Renommierte Bands und Musiker_innen wie The White Stripes, die Toten Hosen, Kurt Cobain, Kylie Minogue und Graham Coxon nennen ihn als ihre Inspirationsquelle.

Autor_in: Daniela Hahn

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Daniela Hahn