Captain Beefheart / Don Van Vliet

aktiv 1965–1985

Biografie

Don Van Vliet geboren 1941 als Don Glen Vliet in Glendale, Kalifornien; gestorben 2010 in Arcata, Kalifornien

1965–1982 unter dem Künstlernamen Captain Beefheart (and His/The Magic Band) als Musiker aktiv

als Maler hat er ab circa 1985 unter seinem bürgerlichen Namen zahlreiche Einzelausstellungen (etwa in der Galerie Michael Werner)

Bildende Kunst und Musik

Bildende Kunst und Musik

Die Malerei, sagte Don Van Vliet einmal, müsse ihre Betrachter_innen »umarmen und kräftig durchschütteln«. Und überdies: »Wenn ein Bild nicht verstörend auf mich wirkt, landet es auf dem Müll.«[1] Van Vliet hatte zum Zeitpunkt dieser Aussage (1991) seine Musikerlaufbahn unter dem Pseudonym Captain Beefheart längst zugunsten einer ungleich lukrativeren Malerkarriere aufgegeben. Seine letzte Plattenaufnahme war 1982 erschienen, ins Kunstmarktgeschäft stieg er ab etwa 1985 ein.

In der zitierten Aussage klingt eine Programmatik an, die seinen bevorzugten Medien – Musik, Malerei und nicht zu vergessen Dichtung (Songlyrics) – gleichermaßen zugrunde liegt. Die Hörer_innen und Seher_innen gleichsam physisch zu tangieren, sie in exaltierte Zustände, ja Konvulsionen zu versetzen – dies umschreibt den künstlerischen Modus, den Beefhearts Blues- und Rockdekonstruktionen seit Mitte der 1960er-Jahre vehement ausagierten. Gleichzeitig bezeichnet dieses Moment auch Van Vliets »Unvernehmen« mit der Welt der bildenden Kunst, deren oft folgenlose Hervorbringungen er mit seinem stark gestischen Malstil bewusst konterkarieren wollte.

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Dabei ging Van Vliet nicht sequenziell von der Musik zur Malerei über, als sollte der erhoffte (und auch erzielte) Erfolg der einen für die mangelnde Akzeptanz der anderen einstehen. Vielmehr hatte er immer schon in beiden Medien gearbeitet, wobei seine öffentliche Persona lange Zeit ausschließlich im Zeichen der Musikerfigur stand. Sporadisch erschienen seine fahrigen Öldrippings auf LP-Covern, etwa ein abstrakt in die Landschaft gesetztes Vogelinsekt auf der Rückseite von Lick My Decals Off, Baby (1970), zerzauste Porträts der Bandmitglieder auf The Spotlight Kid (1972) oder zwei rosarote, wildköpfige Tier-Mensch-Hybride auf Shiny Beast (Bat Chain Puller) (1978).

Retrospektiv wird bisweilen die Unterschiedlichkeit der beiden Praktiken Van Vliets betont, doch halten die dabei bemühten Kriterien – die eine (Musik) als nach strengen Regeln verfasst und daher konzeptuell, die andere (Malerei) hingegen spontan und gleichsam intuitiv – keiner näheren Prüfung stand. Vielmehr kehrt das vermeintliche Gegensatzpaar konzeptuell/intuitiv sowohl in der Musik und den Songtexten als auch in der Malerei wieder. Deren in sich widersprüchliche Natur hat Van Vliet folgendermaßen erklärt: »I’m trying to turn myself inside out on the canvas. I’m trying to completely bare what I think at that moment, yet I put a lot of thought into what I’m doing … it sounds like a contradiction, but …«[2] Dieses Sich-selbst-nach-außen-Stülpen, das keiner Idee von Innerlichkeit geschuldet ist, dieses komplette Entblößen, das gleichwohl stark gedankendurchsetzt ist – all dies lässt sich bei Van Vliet als ein Malerei, Musik und Dichtung gleichermaßen charakterisierendes Prinzip lesen. Dass Musik und Malerei in Beefhearts/Van Vliets Biografie zeitlich auseinanderdividiert erscheinen, mag mehr der Akzeptanzbereitschaft der einzelnen Sparten geschuldet sein, als dass es einer profunderen medienspezifischen Unterscheidung standhalten würde.


[1] Interview, 1. Oktober 1991, zit. n. Mike Barnes, Captain Beefheart: The Biography, London 2004, S. 323.

[2] Copyright, Frühjahr 1991, zit. n. Barnes, Captain Beefheart, S. 315.

Autor_in: Christian Höller

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Captain Beefheart and His Magic Band

Cannes, Strand gegenüber vom Hotel Martinez, 2. Midem Pop Festival, 1968, mit Captain Beefheart (voc.), Alex St. Clair Snouffer (guit.), Jeff Cotton (guit.), Jerry Handley (bass guit.), John French (dr.), 3:41 min

Die 1967 gegründete Musikmesse Midem war in ihrer zweiten Ausgabe zu Beginn des Jahres 1968 aufnahmebereit genug, um Captain Beefheart am Strand von Cannes, vis-à-vis dem Hotel Martinez, auftreten zu lassen. Unter dem ironischen Titel »Cœur de bœuf sur le sable« existiert davon ein Mitschnitt für die französische Fernsehshow Bouton Rouge. Zwei Stücke von der ersten Beefheart-LP Safe as Milk (1967) werden darin zum Besten gegeben – »Electricity« und »Sure ’Nuff ’n Yes I Do«. Die Magic Band spielt ihren durchakzentuierten, synkopisch zerhackten Bluesverschnitt, derweilen der Captain mit charakteristischem Zylinderhut die Silben kunstvoll malträtiert und nach allen Seiten hin dehnt. »Eeelectriiiciiitiiie« – lautmalerisch, ja kantig-poetisch macht er sich an die stimmliche Umgarnung des an der Strandpromenade aufgereihten Publikums. Kräftig durchgekaut und geschüttelt prallen die Soundbatzen wie pastose Öldrops auf eine nur oberflächlich sonnenbeschienene Leinwand.

Autor_in:

Christian Höller