Charlemagne Palestine

geboren 1947 als Chaim Moshe Tzadik Palestine in New York; lebt in Brüssel

Biografie

Studium an der Columbia University, New York, am Mannes College of Music, New York, und am California Institute of the Arts

Lehrtätigkeit am California Institute of the Arts

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Charlemagne Palestine kreiert Sounds, Zeichnungen, plastische Objekte und Installationen. Er arbeitet vorwiegend mit Stoff- und Plüschtieren aller Art, die er in Massen einsetzt, um sie im Rahmen einer animistischen Weltanschauung als Symbole der Identifikation zu verklären.

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Palestine kritisiert die Entwicklungspsychologie, die Stofftieren nur während der Kindheit den Stellenwert sogenannter »Übergangsobjekte« einräumt, um ein Nähe- und Schutzbedürfnis zu befriedigen, ihnen aber für das Erwachsenenalter jede Funktion abspricht. Die Erfahrung, dass ihm die Mutter vor seiner Bar-Mizwa alle Stofftiere wegnahm, wurde für Palestine zum bleibenden Trauma. Für ihn sind es Freund_innen, die man nie weggibt. Er lebt ein animistisches Weltbild, verehrt und vergöttlicht Stofftiere. Sein überdimensionierter, dreiköpfiger, sitzender Godbear ist sechs Meter groß. Bespielte, abgenützte Stofftiere nennt er Waisen, die er sammelt und in teils ungezählter Menge in seinen Werken agglomeriert und in seine Bühnenshows integriert.

Entsprechend dem Reichtum seiner künstlerischen Vermischung von Musik, Installation, Narration, Performance und religiöser Kunstpraxis, entgegnet Palestine, wenn man ihn zum Vertreter des Minimalismus reduzieren will: »Minimalistisch ist bei mir gar nichts. Im Gegenteil, ich habe den Maximalismus erfunden.«

Autor_in: Doris Leutgeb

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Musik

Musik

Charlemagne Palestine wird wie Philip Glass, Terry Riley und La Monte Young zu den Pionieren der Minimal Music gerechnet, wenngleich er diese Kategorisierung selbst ablehnt.

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Als Sohn russisch-jüdischer Eltern wächst er unter dem Einfluss von Klezmer und russischer Volksmusik auf und singt in Synagogen. Er wird Glockenspieler in der Episkopalkirche St. Thomas an der Fifth Avenue in New York, wo er täglich 15 Minuten lang vorgegebene Kirchenlieder an einem der wenigen großen, spielbaren Glockenspiele Nordamerikas ertönen lässt. Im Anschluss improvisiert er oft stundenlang und erregt das Interesse von Künstlern und Musikern der New Yorker Avantgardeszene wie Tony Conrad, Moondog, La Monte Young und John Cale (Velvet Underground), die sukzessive in der Kirche herumhängen und ihm ebenso andächtig wie kritisch lauschen, denn der Konkurrenzkampf unter den Künstlern, die sich der Erfindung neuer Musik verschreiben, ist groß. Aufgrund des geringen kommerziellen Erfolgs seiner Musik wechselt er für eine Zeit zur bildenden Kunst.

Mitte der 1990er-Jahre veröffentlicht Palestine einige seiner musikalischen Frühwerke. Sie werden zu Inspirationsquellen für die jüngere Generation, darunter Nick Cave und Thurston Moore von Sonic Youth. Es folgen Soloalben und zahlreiche Kooperationen, etwa mit Mika Vainio und Pan Sonic, Michael Gira (Swans), Tony Conrad, Keith Rowe, Terry Jennings, Rhys Chatham, Simone Forti oder Mama Baer.

Er tritt immer wieder im Rahmen von Liveperformances auf, für die ihm die größten und lautesten Konzertklaviere der Welt (Bösendorfer Imperial) gerade recht sind.

Autor_in: Doris Leutgeb

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Charlemagne Palestine

Golden Mean for Two Pianos, 1976

The Sage, Newcastle upon Tyne, 2005, mit Charlemagne Palestine, 39:58 min

Charlemagne Palestine spielt sein wohl bekanntestes Musikstück, Strumming Music (1974). Die Komposition besteht im Wesentlichen aus zwei Noten, die über 45 Minuten kontinuierlich in unterschiedlich schnellem Wechsel und modulierten Lautstärken angeschlagen werden. Eine Ansammlung von bunten Stofftieren bevölkert die Bühne und die Konzertflügel, auf denen der Künstler konzentriert, teilweise tranceartig versunken erst gleichzeitig, dann abwechselnd auf dem einen und dem anderen und schließlich wieder auf beiden spielt. Musikdarbietung und Installation verschmelzen zu einem einzigen großen Kunstwerk, dem »Gesamtkunst-Meschuggeland« (Palestine).

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Die Zuhörer_innen erleben eine monoton-meditative Musik, die ihnen die Möglichkeit reiner, empirischer Erfahrung eröffnet, die vorbegrifflich bleiben kann. Während des repetitiven Spielens gleicher Töne werden Differenzen hörbar, die durch Nachklänge und Tonüberlagerungen angereichert werden, aber erst und nur durch den Akt der permanenten Wiederholung entstehen. Wer bei diesem Stück an Identität als ewige Wiederholung/Wiederkehr von Differenzen denkt, fühlt sich spielerisch an das Denken der Differenz des französischen Philosophen Gilles Deleuze herangeführt, der Wiederholung als Entfaltung von Differenzen versteht. Strumming Music forciert ein Sicheinlassen auf Differenz und ermöglicht ein Hörerlebnis der Vielfalt, noch bevor ein Wechsel zum reflexiven Denken erfolgt.

Autor_in: Doris Leutgeb

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