Christian Marclay

geboren 1955 in San Rafael, Kalifornien; lebt und arbeitet in London und New York

Biografie

Als Auslandsschweizer in den USA geboren, aufgewachsen in Genf

Ab 1975 Studium der bildenden Kunst in Genf

Ab 1977 Studium der Bildhauerei am Massachusetts College of Art in Boston

1979 zusammen mit dem Gitarristen Kurt Henry Gründung der Performancegruppe The Bachelors, even; erste Stücke mit Vinyl und Plattenspieler

Bildende Kunst und Musik

Bildende Kunst und Musik

Christian Marclay ist Musiker und bildender Künstler zugleich, und seine Arbeiten werden ebenso im Ausstellungs- wie im Clubkontext rezipiert. Bis in die 1990er-Jahre erlangt er seine Bekanntheit allerdings hauptsächlich durch Auftritte in Musikclubs, wo er als DJ und Künstler den »turntablism«, also die Manipulation und Umnutzung von Schallplatten, weiterentwickelt. Das Abspielgerät wird dabei zum Instrument – ein Konzept, das László Moholy-Nagy bereits in den 1920er-Jahren formuliert, jedoch noch nicht praktisch angewendet hat. Sein Material dafür findet Marclay im Fundus ausgesonderter Platten, und es umspannt das gesamte Repertoire des musikalischen Angebots inklusive Kitsch und Trivia. Marclay geht es weniger um einen klassischen Begriff des Musizierens beziehungsweise Komponierens als um eine Montage von bestehendem Material – und zwar nicht nur in klanglicher Hinsicht, sondern auch in Bezug auf den physischen Zustand der Tonträger. Das Vinyl erhält durch seine Bearbeitungen einen neuen visuell-ästhetischen Wert, und die »recycled records« werden dadurch auch Objekte der bildenden Kunst.

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Ein zentrales Interesse Marclays gilt einer Untersuchung der klanglichen Dimension von Objekten wie überhaupt von allem Visuellen. Damit schließt er an Marcel Duchamps Konzept der »sonoren Plastik« an und erweitert es. Seine Soundinstallationen und Klangobjekte lösen sich nie ganz vom Bildnerischen und provozieren das Spiel mit der Vorstellung vom Nichtgesehenen beziehungsweise dem Nichtgehörten.

Auf unterschiedliche Weise deutet Marclay an, dass der materiellen Welt »residual sounds« (verbliebene Resonanzen) innewohnen. Gemeint ist damit ein psychoakustisches Phänomen, bei dem selbst ein statisches Objekt Klang suggerieren kann.

Die Arbeit The Beatles (1989) ist ein Kissen mit einem Bezug, gehäkelt aus Magnetbändern. Die Verarbeitung des Speichermaterials von Audiokassetten in Verbindung mit dem Titel ruft den Sound der Beatles aus dem Musikgedächtnis hervor. Zudem evoziert die Referenz auf diese analoge Aufnahmetechnik das besondere Knistern von Audiotapes als mittlerweile historisches Phänomen. In anderen Arbeiten, bei denen Marclay das gleiche Material einsetzt, erzeugen die dünnen beschichteten Bänder selbst ein Geräusch.

Während Tonträger wie Platten oder Audiotapes als Materialien zumindest in der Vorstellung noch Residuen des Gehörten oder Hörbaren in sich tragen, operiert Marclay in den letzten Jahren auch verstärkt mit der Evokation von Sound auf rein visuellem Weg. Seine Videoarbeit Surround Sounds (2014–2015) zeigt in vier stummen Projektionen eine Collage aus lautmalerischen Comicschriftzügen, welche die Erfahrung von Klängen auslösen können.

Das Prinzip der Collage wendet Marclay auch in rein filmischen Werken an. Das 24-stündige Opus The Clock (2010) ist eine Aneinanderreihung von Filmfragmenten, in der für jede Minute des Tages eine Szene zu sehen ist, in der eine Uhr die jeweilige Zeit anzeigt.

In jüngster Zeit ist Marclays ursprünglicher Bezug zur musikalischen Moderne wieder signifikanter geworden. Anfang 2018 realisiert er zusammen mit Okkyung Lee am Cello und Luc Müller am Schlagzeug vor und in Relation zu Jean Tinguelys großer kinetischer Klangskulptur Méta-Harmonie in Basel ein Meta-Concert, bei dem er selbst mit diversen Alltagsgegenständen Klänge erzeugt.

Autor_in: Lona Gaikis

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Christian Marclay

Live at Közgáz Jazz Klub, Budapest, 1987, mit Christian Marclay, 20:15 min

Film: Czaban Gyorgy, Közgáz Vizuális Brigád

Die Aufnahme zeigt eines der frühen Soundexperimente Marclays. Simultan spielt er an vier Turntables mit von ihm verfremdeten Schallplatten, wodurch sich eine vom Zufall bestimmte Komposition ergibt. Manche Platten eiern und verzerren die Töne, weil Marclay ihr Mittelloch versetzt hat; andere hängen sich auf oder machen nur Krach, weil die empfindliche Nadel zu oft auf geklebte Bruchstellen trifft.

Das Anything-goes der Postmoderne, deren Umgang mit Zitaten wie auch der materielle Überfluss der 1980er- und 1990er-Jahre scheinen hier klanglich aufzuleben. Sie vermischen sich mit einer neuen Form von Musique concrète, denn das Knacken und Springen der Platten hat für Marclay die gleiche Wertigkeit wie die melodischen Versatzstücke. Im Sinne des Bruitismus der Futuristen wie auch von John Cage können und sollen alle Geräusche der Welt Teil seiner Musik sein.