Destroy All Monsters

aktiv zwischen 1973 und 2012

Biografie

1973–1976

Destroy All Monsters formierte sich 1973 am Art Department der University of Michigan in Ann Arbor, nahe Detroit. Benannt nach einem japanischen Horrorfilm aus dem Jahr 1968, bestand die Band bis 1976 aus Mike Kelley (Schlagzeug, Tonbänder), Cary Loren (Gitarre, Gesang), Niagara (bürgerlicher Name: Lynn Rovner; Gesang) und Jim Shaw (Gitarre). Sie verstand sich als eine »Antirockband«, die mit einer Mischung aus Trash, Noise und bewusst gesetzter Provokation gegen das in der 1970er-Jahre-Rockmusik vorherrschende Virtuosentum und den damit einhergehenden Bombast antrat. Bei ihren Auftritten projizierte sie häufig experimentelle Horror-Trash-Filme, die von Cary Loren geschaffen wurden. 1976 setzten Kelley und Shaw ihr Kunststudium in Los Angeles fort und verließen die Gruppe, die bis dahin keine Platten veröffentlicht hatte.


1977–1985

1977 verpflichteten Niagara und Loren die Zwillingsbrüder Larry und Ben Miller (Gitarre und Saxofon) sowie die beiden namhaften Rockmusiker Ron Asheton (Gitarre; zuvor bei den Stooges) und Michael Davis (Bass; zuvor bei MC5), ergänzt durch den Schlagzeuger Rob King. In dieser Besetzung brachte Destroy All Monsterseine Reihe von Singles heraus, bevor die Gruppe auseinanderbrach. Niagara und Asheton setzten das Bandprojekt noch bis 1985 mit unterschiedlichen Musikern fort.


1994–2012

1994 kam es zur Wiedervereinigung der ursprünglichen Mitglieder. Sie brachten Kompilationen ihrer Aufnahmen aus den 1970er-Jahren heraus und traten ab 1995 bis zu Kelleys Tod 2012 international auf, wobei Niagara 1996 ausschied.


Mike Kelley
geboren 1954 in Detroit, Michigan; gestorben 2012 in South Pasadena, Kalifornien

1973–1976 Kunststudium am Art Department der University of Michigan in Ann Arbor (Bachelor)

1976 Masterstudium am California Institute of the Arts (wo John Baldessari und Laurie Anderson zu seinen Professor_innen zählten)

1977 gründete Kelley zusammen mit Tony Oursler die Punkband Poetics, die bis 1983 existierte und deren Geschichte Kelley und Oursler in einer Installation auf der documenta X (1997) aufbereiteten.

In den späten 1990er-Jahren trat Kelley neben seiner Stammformation Destroy All Monsters mit verschiedenen Künstler_innen (darunter Paul McCarthy, Cameron Jamie, Violent Onsen Geisha) auch unter dem Bandnamen Gobbler auf.


Cary Loren
geboren 1955 in Detroit, Michigan

ab 1973 Kunststudium am Art Department der University of Michigan in Ann Arbor

1977/1978–1982 in Los Angeles ansässig

1982 eröffnete Loren zusammen mit seiner Frau Colleen Kammer in Oak Park, Michigan, den auf Künstlerbücher spezialisierten Laden The Book Beat, wo unter anderem Editionen bildnerischer und musikalischer Werke der 1960er-Jahre verlegt werden und Diskussionsrunden über Literatur stattfinden.

Parallel zu den ab 1994 wiedervereinigten Destroy All Monsters gründete Loren in Detroit die Psychedelic-Folk-Band Monster Island, für die er auch die Texte schrieb.


Niagara
geboren 1956 als Lynn Rovner in Detroit, Michigan

Kunststudium an der Cranbrook Academy of Art, dem Banff Centre for Arts and Creativity in Kanada sowie an der University of Michigan Art School


Jim Shaw
geboren 1952 in Midland, Michigan

1973–1976 Kunststudium am Art Department der University of Michigan in Ann Arbor (Bachelor)

1976–1978 Masterstudium am California Institute of the Arts in Los Angeles

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Mike Kelley, Cary Loren, Niagara (= Lynn Rovner) und Jim Shaw studieren in den frühen 1970er-Jahren gemeinsam am Art Department der University of Michigan in Ann Arbor. In ihrem bildnerischen Schaffen beschäftigen sie sich alle mit den dunklen, unbewussten oder verdrängten Seiten der menschlichen Natur wie der Gesellschaft. Zu ihren Inspirationsquellen zählen Comics, Schund- und Trivialliteratur, Protest- und Plakatkunst, Musikalben sowie bei Altwarenhändlern gefundene anonyme Bilder.

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Kelley befasst sich in Installationen, Bildern, Zeichnungen und Performances insbesondere mit dem repressiven Charakter von Weltanschauungssystemen – wie religiösen Lehren, politischen Ideologien, Moralvorstellungen und Gesetzen – und deren psychischen Auswirkungen auf die ihnen verhafteten beziehungsweise unterliegenden Menschen.

Cary Loren arbeitet in den Medien Film, Fotografie und Collage sowie als Schriftsteller. In den 1970er-Jahren beginnt er, in selbst verlegten Kunst-Zines bildnerisch und literarisch zu publizieren. Ebenso dreht er Experimentalfilme und Videos mit zumeist abstrus-subversiven Inhalten, die bei den frühen Auftritten von Destroy All Monsters im Hintergrund laufen. Von Loren stammen auch jene Filme, in denen Footage von Liveauftritten der Band mit gefundenem Material aus B-Movies, Sexwerbung, Pulpromanen et cetera collagiert ist. Dies sind die einzigen erhaltenen Livedokumente der 1970er-Jahre-Formation. Lorens künstlerische Ästhetik ist stark vom Filmemacher Jack Smith beeinflusst, mit dem er ab 1973in engem Kontakt steht und den er als seinen Mentor betrachtet.

Lynn Rovner und Jim Shaw sind Maler_innen, die in ihren Zeichnungen und Bildern ebenfalls die dunklen und abjekten Seiten des Menschen sowie der amerikanischen Kultur insgesamt (Drogen, Sex, Kult) thematisieren und dabei einen bewusst trashigen Stil pflegen. Shaw betreibt seit den 1990er-Jahren das Projekt Oism. Darin entwirft er auf der Basis intensiver Recherche zu religiösen Praktiken und messianischen Kulten (unter anderem des amerikanischen »Bible Belt«) eine eigene Religion (mit Geschichte, Totems und Traditionen) in Form unterschiedlichster Artefakte (Bilder, Skulpturen, Collagen, Plakate, Filme und Musikinstrumente). Shaw besitzt eine große Sammlung »gefundener« Amateurkunstwerke, die er immer wieder ausstellt.

Autor_in: Christian Höller

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Musik

Musik

Was 1973 in Detroit, Michigan, oder genauer am Art Department der University of Michigan in Ann Arbor in Eigenregie entstand, war ein genreübergreifendes Labor, in dem – unbehelligt von größerem Publikumsinteresse – Störendes und Störrisches, Dissonantes und Abjektes in Musik, Malerei, Film, Grafik und anderen Medien erprobt wurde. Ein Aspekt davon war die nach einem japanischen Horrorfilm benannte Band und Performancegruppe Destroy All Monsters, bestehend aus Mike Kelley (Schlagzeug, Tonbänder), Cary Loren (Gitarre, Gesang), Niagara (Gesang) und Jim Shaw (Gitarre). Es war eine Experimentalanordnung, die der herkömmlichen Rockmusik jegliche Virtuosität und Formschönheit austreiben wollte, um so das Untergründige, Verfemte und Unterdrückte darin zum Vorschein zu bringen.

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Laut Mike Kelley lag ein wichtiges Inspirationsmoment für das großteils noiseorientierte Musizieren in der Malpraxis seines Mitstudenten Jim Shaw. Dieser verwendete mit Vorliebe weggeworfene Ölfarbenreste oder das bräunlich-graue Gemisch, das sich am Boden der zum Pinselwaschen benutzten Gefäße sammelte. Aufgetragen auf alte, gefundene Stoffe und mit allerlei collagierten Sujets durchsetzt, lieferte diese Art des Bildermachens eine Blaupause dafür, was in der Musik der 1970er-Jahre eine neue Dimension von »Trashiness« verkörpern sollte. Nicht der alte, in den 1960ern (und früher) gepflogene Trashgedanke des unbekümmert Dilettantischen oder maßlos Übersteuerten war hier ausschlaggebend, sondern die konfrontative Bearbeitung von gefundenem Material (B-Movies, Sexwerbung, Pulpromanen et cetera) mit unüblichen, über etablierte Formate hinausgehenden Techniken.

Dieser Gedanke fand sich zumal in den individuellen künstlerischen Ansätzen der Bandmitglieder wieder (etwa Niagaras düsteren Zeichnungen oder Lorens stark vom Filmemacher und Performancekünstler Jack Smith geprägten Film-, Foto-, Text- und Comicarbeiten). Gleichzeitig charakterisierte dies auch den Sound von Destroy All Monsters. Dieser oszilliert zwischen zwei Polen, die das besondere Spannungsmoment dieser antivirtuosen Protopunkunternehmung ausmachten: songorientierten Skizzen zum einen, meist auf abgründige Themen aus B-Movie- oder Science-Fiction-Zusammenhänge Bezug nehmend und diese in betont despektierlicher Low-Fi-Manier verarbeitend (»I Love You but You’re Dead«, »Paranoid of Blondes«, »You Can’t Kill Kill«); zum anderen instrumentalen Noise-, Drone- und Collage-Experimenten, wobei auch selbst gebaute Klanggeräte zum Einsatz kamen und gelegentlich Gastauftritte von Free-Jazz-Musikern in die Darbietung miteingebunden wurden (»Crunch Drone«, »To the Throne of Chaos Where the Thin Flutes Pipe Mindlessly«). Der Sound von Destroy All Monsters korrespondiert dem visuellen Erscheinungsbild der Gruppe sowie den parallel entstehenden bildnerischen Arbeiten: lieber ein Ton daneben und eine Farbe zu viel, als in die Fänge einer wie immer gearteten technischen Präzision und Professionalität zu geraten.

Autor_in: Christian Höller

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Destroy all Monsters

That’s my Ideal, mit Mike Kelley (perc.), Cary Loren (guit.), Jim Shaw (guit.), Niagara (Lynn Rovner) (voc.), 3.09min

Film Cary Loren, »Grow Live Monsters« 1971–1976/1995 (Kompilation von Footage aus den Konzerten von Destroy all Monsters und anderem Material)



Von den frühen Auftritten der Gruppe ist keine Originalfootage erhalten, denn die Aufnahmen wurden Teil nachträglich entstandener Filme von Cary Loren wie Grow Live Monsters oder Monsters Redux. Hier wurden sie mit Material aus dem Megaarchiv der Pop-, Trash- und Massenkultur kombiniert beziehungsweise überblendet.

»Giant crabs and giant spiders, giant flames and giant fires – that’s my ideal!«, singt Loren, während der absichtlich krude Bilderbogen Horror- und Scifi-Versatzstücke, Charles-Manson- und Nazireminiszenzen zu einem großen Potpourri des Abseitigen und Bösen anrührt. Musikalisch wird bewusst stupide ein Minimalriff heruntergehämmert, als wäre den Dämonen des kultisch Verehrten einzig durch renitentes Auf-der-Stelle-Treten beizukommen.

Autor_in:

Christian Höller