Die Tödliche Doris

aktiv 1980–1987

Biografie

Die Westberliner Künstler_innengruppe »Die Tödliche Doris« wird 1980 von Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen gegründet. Beide sind Studenten der Klasse für experimentelle Filmgestaltung und visuelle Kommunikation von Wolfgang Ramsbott an der Universität der Künste in Berlin.

Zu den weiteren, teils nur temporären Mitgliedern des fluktuierenden Kollektivs zählen Chris Dreier (Mitglied 1980–1981), Dagmar Dimitroff (Mitglied 1981–1982) sowie Tabea Blumenschein und Elke Kruse alias Käthe Kruse (beide Mitglieder 1982–1987).

Im Herbst 1987 löst sich die Band auf.

Mitglieder

Tabea Blumenschein
geboren 1952 in Konstanz, lebt in Berlin


Dagmar Dimitroff

geboren 1960 in Dresden, gestorben 1990 in Berlin


Chris Dreier

geboren 1961 Wuppertal, lebt in Berlin


Käthe Kruse

geboren 1958 als Elke Kruse in Bünde, Nordrhein-Westfalen, lebt in Berlin


Wolfgang Müller

geboren 1957 in Wolfsburg, lebt in Berlin


Nikolaus Utermöhlen

geboren 1958 in Würzburg, gestorben 1996 in Berlin

Bildende Kunst und Musik

Bildende Kunst und Musik

»Die Tödliche Doris« ist ein konzeptuelles Projekt zwischen Musik und Kunstperformance, das letztendlich alle Sparten der Kunst umfasst. In Zusammenhang mit der Musik entstehen Malereien, Objekte und Installationen, Videos, Fotografien und Texte.

Als Vorläufer der Gruppe kann die Kooperation der Kunststudenten Wolfgang Müller und Nikolaus Utermöhlen angesehen werden. Gemeinsam sammeln die beiden zerrissene Passfotos, die sie unter dem Titel Material für die Nachkriegszeit zusammenkleben und präsentieren. 1981 wird die Arbeit in eine dramatisierte Filmversion übersetzt sowie in der Folge als Foto-Dokumentar-Archiv-Projekt noch weitergeführt.

Mit ihrer 1980 im Kontext von Neuer Deutscher Welle, Punk und New Wave gegründeten Band wenden sich die beiden nicht nur gegen die Standards des Stadionrocks, sondern überhaupt gegen jegliches Virtuos_innentum oder Normen »richtigen« Spielens. Man experimentiert mit einer Vielzahl an Instrumenten ebenso wie mit defekten Tonbändern oder Kassettenrekordern.

Am 4. September 1981 tritt »Die Tödliche Doris« im Berliner Tempodrom bei der Veranstaltung Die große Untergangs-Show – Festival Genialer Dilletanten auf, einem legendären Treffen von Vertreter_innen derartiger Tendenzen. (Die falsche Schreibweise des Wortes »Dilettanten« ist ursprünglich ein Fehler auf dem Flyer der Veranstaltung, den man im Sinne der Akzeptanz von Mängeln und Fehlleistungen bewusst beibehält.) Noch im selben Jahr gibt Wolfgang Müller im Merve-Verlag das Buch Geniale Dilletanten heraus, das den Status eines Manifests erlangt. Es enthält unter anderem Beiträge von Blixa Bargeld, Frieder Butzmann, Peter Gente, Gudrun Gut, Klaus Hoffmann und Nikolaus Utermöhlen sowie Illustrationen von Tabea Blumenschein. Müller siedelt darin das Dilettantische in Anlehnung an Goethe zwischen »akademischer Stubenhockerei und Do-it-yourself-Pathos« an und beschreibt jenes Paradigma der 1980er-Jahre, in dem Kunst zu Pop und Popmusik zu Kunst wird.

In der Folge tritt »Die Tödliche Doris« an prominenten Orten der Kunstwelt auf: 1982 im Musée d’art moderne de la ville de Paris, 1983 im Rahmenprogramm von Harald Szeemanns Ausstellung Der Hang zum Gesamtkunstwerk in Berlin, 1984 im New Yorker Performance-Space The Kitchen und 1987 im Museum of Modern Art in New York sowie im selben Jahr bei der documenta 8.

Die Auflösung der Band erfolgt 1987 zum Studienabschluss der beiden Gründer und ist Bestandteil von deren Abschlussarbeit. Bezeichnend ist auch das Nachleben der Gruppe: Sie verarbeiten ihre eigene Geschichte im Theaterstück Das war Die Tödliche Doris, das sie 1988 anstelle eines Konzerts aufführen, zu dem sie nach Tokio eingeladen sind. Aus ihrer Bühnengarderobe, die unter anderem von der auch als Bühnenbildnerin aktiven Tabea Blumenschein stammt, erschaffen sie Objekte wie Sesselgruppe Kleid oder Lampe Revue, die sie als bildende Kunst präsentieren.

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Morbidität und Endzeitstimmung sind zentrale Themen der »Tödlichen Doris«. In »7 tödliche Unfälle im Haushalt«, einem Song auf ihrer ersten, unbetitelten Maxi-EP (1981), erzählt Wolfgang Müller zu Klarinettenimprovisationen von Nikolaus Utermöhlen und lässiger Schlagwerkbegleitung kühl und nüchtern vier alltägliche Todesszenen. Das von ihm gezeichnete Cover ziert ein Fisch, der auf der Rückseite nur noch als Skelett zu sehen ist. 1986 springt bei einem Konzert in Budapest »der Tod« mit einem von Utermöhlen entworfenen Knochenkostüm an die Bühnenrampe und erschreckt das Publikum.

»Tanz im 2«, ein anderer Song der ersten EP, beschäftigt sich mit der Frage der Anpassung ans Kollektiv als weiterer wesentlicher Thematik. Zu militärischem Rhythmus lautet der Text: »Du tanzt genau wie ich«, und: »Du sollst genau so sein wie ich.«

Autor_in: Lena Nieper

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Die Tödliche Doris

Unser Debüt, NDR Video-Nacht, 10. 8. 1985, mit Tabea Blumenschein (voc.), Käthe Kruse (voc. perc.), Wolfgang Müller (voc.), Nikolaus Utermöhlen (voc.) und einem Chor von 40 Personen, die bis dahin noch nie im Fernsehen waren, 15:20 min


Am 10. August 1985 tritt »Die Tödliche Doris« bei der NDR-Videonacht auf, ihr Debüt im Fernsehen. Die auch visuell vielschichtige Performance ist in drei Abschnitte unterteilt: Der erste trägt den Titel »Debüt in Helgoland« und beginnt mit einem komplexen Spiel mehrfacher medialer Übersetzungen. Zunächst sieht man ein unscharfes Bild von einer Performance in Helgoland auf einem großen Screen und schließlich im Vollbild. Beim langsamen Zurückzoomen der Kamera entpuppt sich Letzteres als Fernsehbild im Rahmen einer Performance mit sitzenden, nackten Figuren, die Perücken tragen und dieses Fernsehbild betrachten – eine Performance, die in Riehen bei Basel stattfand. In einem nächsten Schritt erweist sich diese Szene abermals als Fernsehbild, nun auf der Bühne im NDR-Studio. Diese Verschachtelung wird wiederum auf einen Screen übertragen, der auf eben dieser Bühne steht.

Als zweiter Teil folgt die Rockshow »Unser Debüt«, bei der Kruse, Müller und Utermöhlen auf Deutsch und Englisch unter anderem singen: »Dies ist unser Debüt. Wir sind das erste Mal im Fernsehen.« Im dritten Abschnitt, dem »Allgemeinen Debüt«, werden diese Sätze im Chor wild durcheinander gesungen, sodass eine bunte Kakofonie entsteht. Der Chor besteht aus 40 Personen, gefunden über eine Annonce und ausgewählt nach dem Kriterium, dass sie noch nie im Fernsehen waren.