Emily Sundblad

geboren 1977 in Dalsjöfors, Schweden; lebt in New York

Biografie

2003 Bachelorabschluss an der Parsons School of Design, New York

2003–2006 Whitney Museum’s Independent Study Program

2004 zusammen mit John Kelsey Gründung des Kunstprojekts und der Galerie Reena Spaulings


Bildende Kunst

Bildende Kunst

Mit der Bandbreite ihrer Aktivitäten als bildende Künstlerin, Sängerin und Galeristin inszeniert sich Emily Sundblad als eine Chimäre der Kunstwelt, die ihre schillernde Erscheinung gezielt einsetzt, um eine postmoderne Strategie des Versteckspiels wie auch der Kritik durch Affirmation zu betreiben. Einen Großteil ihrer Tätigkeiten setzt sie nicht unter ihrem eigenen Namen und agiert darüber hinaus oft im Kollektiv. Gemeinsam mit John Kelsey tritt sie seit 2004 unter dem Pseudonym Reena Spaulings auf dem internationalen Kunstparkett auf. Unter diesem Namen erschaffen die beiden nicht nur künstlerische Arbeiten; er steht auch für einen von ihnen zusammen mit weiteren Künstler_innen (darunter Jutta Koether, Rita Ackermann und Ei Arakawa) betriebenen Projektraum in Downtown New York. Reena Spaulings heißt auch die titelgebende Protagonistin eines Romans des internationalen Schriftsteller_innen- und Filmemacher_innenkollektivs Bernadette Corporation, dem John Kelsey ebenfalls angehört.

Als Malerin tritt Emily Sundblad seit 2011 in einer Reihe von Einzelausstellungen häufiger unter ihrem eigenen Namen in Erscheinung. Skizzenhaft notiert sie in ihren Bildern Alltagsszenen und wählt klassische Sujets wie Blumenstillleben oder das Porträt. Ihre Werke scheinen unmittelbares Erleben auf die Leinwand zu bringen, ergänzt durch schriftliche Notate – Gedankenfragmente, Notizen, Namen. Farbgebung und Motivwahl erinnern an die Pop-Art-Arbeiten eines David Hockney, aber auch an den zeichnerisch anmutenden, lasierenden Malstil Elizabeth Peytons.

...mehr/Abbildungen

Aus der Perspektive amerikanischer Popkultur könnte man behaupten, Emily Sundblad wäre der Inbegriff eines It-Girls der New Yorker Lower East Side. Lifestylethemen wie Liebe, Luxus, jugendlicher Freiheitsdrang und Eskapismus prägen ihre künstlerische Arbeit sowohl als Malerin als auch die Aktivitäten des Labels Reena Spaulings in hohem Maße. So sehr sie aber Klischees von Upperclass-Lifestyles und Szene-Chic bedient, ihre künstlerische Figur danach aufzulösen wäre falsch. Die Künstlerin kokettiert mit dem Image ihrer Person, um eine Strategie der kritischen Affirmation zu verfolgen, die nicht zuletzt die Mechanismen und insbesondere den Geldkreislauf des Kunstbetriebs im Visier hat.

Den bekanntesten Kommentar dazu gibt sie 2005 in ihren Money Paintings. Money Painting (Dollar), Money Painting (50 Euro) oder Money Painting (Swiss 20) zeigen Abstraktionen von Geldscheinen, die ohne den Hinweis im Titel nicht sofort als solche zu erkennen wären. Die Intention ist klar: Man macht den Spekulationswert der Kunst zum Bildgegenstand und schleust seine Darstellung wieder in den Kunstmarkt. Im Falle von Emily Sundblad / Reena Spaulings wird der Kapitalfluss durch die Doppelbesetzung von Künstlerin und Galeristin kurzgeschlossen.

Autor_in: Lona Gaikis

...weniger
Musik

Musik

Persönliche Erlebnisse des Alltags der New Yorker Szene spielen in Sundblads Aktivitäten als Sängerin eine untergeordnete Rolle. Gemeinsam mit Kollegen wie dem Pianisten Pete Drungle oder dem Gitarristen Matt Sweeney inszeniert sie Reinterpretationen bekannter Songtexte. Es entstehen musikalische Collagen, die die Tradition der Musik als Form kollektiven Erlebens und damit soziale Praxis aufgreifen und erneuern.

Ist das Versteckspiel in Sundblads Aktionen künstlerische Methode, bietet auch die Musik Freiraum für das Spiel mit Rollenbildern. Vor allem Vorstellungen von Weiblichkeit greift die Künstlerin in ihren Performances auf. In der Frühzeit von Reena Spaulings wird oft darauf hingewiesen, wie das Projekt alias Emily Sundblad gerade mit ihrer Jugendlichkeit, Lebens- und Liebeslust des It-Girls die begehrenswerteste aller Figuren des Spätkapitalismus verkörpert: das junge Mädchen. Tatsächlich steht sie für Kritik sowohl an der Konsum- als auch an der Kunstwelt.

Als Sängerin ist Emily Sundblad weder Autorin noch Komponistin, sondern ihr Medium im Moment der Performance. Sie erweckt eine Illusion zum Leben und bietet Einblick in romantisierende Wunschwelten.

In der Ausstellung

In der Ausstellung

Emily Sundblad

Konzert in der Greenspon Gallery, New York, 2011, mit Pete Drungle und Ensemble, Emily Sundblad (voc.), 4.10 min

Film: Loretta Fahrenholz

Bei Musik und Texten von Sundblads musikalischen Performances handelt es sich in der Regel um Coverversionen von Liebesballaden, Countrysongs oder Hits der US-amerikanischen Folkmusic. Aber auch klassische Kompositionen wie der zweite Satz (andante con moto) von Franz Schuberts Trio in Es-Dur für Klavier, Violine und Violoncello, op. 100, D 929, werden von der Künstlerin neu aufgelegt. Dessen einprägsame Melodie, auch bekannt aus Michael Hanekes Film Die Klavierspielerin (2001) oder Stanley Kubricks Barry Lyndon (1975), ist Sinnbild lodernder Begierde. Über Schuberts Stück legt die Sängerin Sundblad den nicht minder liebeskranken Songtext von »Love Hurts« der Everly Brothers aus dem Jahr 1960. Begleitet von Pete Drungle und zwei Violinistinnen, gibt sie ein intimes Kammerkonzert, das die Liebe zwar auf klassisch romantische Art feiert, deren illusorischen Charakter ihre Neuinterpretation aber kathartisch zerschlägt. Nach der enttäuschten Schwärmerei endet der von Boudleaux Bryant geschriebene Song bekanntlich mit der Einsicht, die Liebe sei doch nur eine zerstörerische Selbsttäuschung: »I know it isn’t true / Know it isn’t true / Love is just a lie / Made to make you blue / Love hurts / Love hurts / Love hurts.«