Hanne Darboven

geboren 1941 in München; gestorben 2009 in Hamburg

Biografie

Kindheit und Jugend in Hamburg

1962–1965 Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg

1966–1968 lebt in New York, Kontakt mit Künstler_innen der Minimal Art, darunter Sol LeWitt und Carl Andre

1967 erste Einzelausstellung in der Galerie Konrad Fischer in Düsseldorf

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Hanne Darbovens künstlerisches Interesse gilt Strukturen und Ordnungssystemen sowie den Formen ihrer Notation als Methoden der Realitätsaneignung. Insbesondere beschäftigen sie die Prinzipien von Wiederholung und Variation, die auch Grundmuster menschlicher Wahrnehmung, Erfahrung und Lebensorganisation sind. Ab 1970/1971 beginnt Darboven unter Verwendung von Kalenderdaten Notationssysteme für Zeitabläufe zu entwickeln, die sie später auch mit Bildern von politischen und kulturellen Ereignissen verknüpft.

...mehr/Abbildungen

Von 1966 bis 1968 lebt Darboven in New York, wo sie unter anderen mit Vertreter_innen der Minimal Art wie Sol LeWitt und Carl Andre in Kontakt steht. Dort entstehen zunächst geometrisch-abstrakte Konstruktionen auf Millimeterpapier, die sie seriell variiert. Entgegen der von der Minimal Art dogmatisch geforderten Referenzlosigkeit beginnt Darboven bald wieder auf konkrete Inhalte und Gegebenheiten Bezug zu nehmen, wobei die Visualisierung von Zeitabläufen zu einem zentralen Thema ihrer Arbeit wird. Hierfür entwickelt sie eigene Notationssysteme, bei denen Zahlen – die sie als einzige wirkliche Erfindung des Menschen begreift – ein zentraler Stellenwert zukommt. In ihrem frühen Hauptwerk, der Installation Ein Jahrhundert (Bücherei) (1970/1971), geht sie von traditionellen Kalenderdaten aus. Auf Blättern, die sie in Ordnern zusammenfasst, systematisiert sie diese nach einem persönlichen Regelwerk: Aus den Ziffern von Tagen, Monaten, Jahren und Jahrhunderten bildet sie Quersummen und übersetzt diese wiederum in geometrische Formen. Zeitliche Erstreckung wird so sowohl als lineare Folge als auch in Form von tabellarischen Figuren sinnlich erfahrbar, wobei Darboven selbst auch immer wieder die zentrale Bedeutung der ästhetischen Qualitäten ihrer Notate herausstreicht.

Ab Mitte der 1970er-Jahre werden in Darbovens Visualisierungen von Zeitabläufen konkrete Inhalte der kulturellen wie politischen Menschheitsgeschichte in Form von Textzitaten, Zeichnungen, Drucken oder Fotografien eingebracht. Diese werden zwar hierarchie- und kommentarlos darlegt, zwischen den Zeilen ist aber ein mahnendes Engagement – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts – ablesbar. Materialien zur Bismarckzeit, Reden Willy Brandts oder Artikel des Magazins Der Spiegel, Texte von Heinrich Heine, Charles Baudelaire, Rainer Maria Rilke oder Jean-Paul Sartre sowie fotografische wie zeichnerische Darstellungen kultureller wie wissenschaftlicher Errungenschaften können zu Ausgangspunkten einer kritischen Reflexion der Vergangenheit werden.

Autor_in: Eva Badura-Triska

...weniger
Musik

Musik

Bereits in Zusammenhang mit ihrem Frühwerk verweist Darboven auf den musikalischen Aspekt ihrer Zahlensysteme: »Meine Systeme sind numerische Konstrukte, die nach Gesetzen der Progression oder der Reduktion arbeiten, in der Art eines musikalischen Themas mit Variationen.«

...mehr/Abbildungen

Seit 1980 übersetzt sie ihre Zahlenfolgen in Musik als ein Medium, das ebenso wie ihre Notationen in der Zeit erfahrbar ist. Analog ihren bildnerischen Werken basieren Darbovens minimalistisch-serielle Kompositionen auf Zahlenfolgen, die nach individuellen mathematischen Prinzipien erstellt und dann in Töne übertragen werden. Diese Aufgabe überantwortet Darboven dem Organisten Friedrich Stoppa und nach dessen Tod dem Musikwissenschaftler Wolfgang Marx. Von der Künstlerin vorgegeben sind lediglich die Tonhöhen – jede Ziffer entspricht einem bestimmten Ton –, alles Weitere wie Dauer, Rhythmus oder Instrumentierung ist Stoppa beziehungsweise Marx überlassen, wobei sich Darboven dennoch stets die letzte Kontrolle und Freigabe der Ergebnisse vorbehält.

Gemessen an ihrem Gesamtwerk, ist das musikalische Schaffen von Hanne Darboven durchaus umfangreich, darunter herausragende Werke wie das Streichquartett Opus 26 von 1989/1990 sowie das Bläserquintett Opus 42 von 1993.

Autor_in: Eva Badura-Triska

...weniger
In der Ausstellung

In der Ausstellung

Hanne Darboven

Opus 17 a, 1984

Aufnahme Universitätsinstitut für Musik NTNU Trondheim, mit Michael Francis Duch (bass), Alexander Riris (page turner), 2018, 1:17:51 h

Film: Jeremy Welsh

Opus 17 a ist der erste von vier Teilen für Solokontrabass aus Hanne Darbovens monumentaler Komposition Wunschkonzert. Diesen Titel hat sie übernommen von einer der am längsten ausgestrahlten Sendungen des Norddeutschen Rundfunks (NDR), in der Musikwünsche erfüllt und Grußbotschaften übermittelt werden: ein genreübergreifendes Wunschkonzert von Kinderliedern über Märsche bis zu Schlagern und Popmusik.

...mehr

Wie viele von Darbovens Werken ist auch Opus 17 a in mehrerlei Hinsicht eine Herausforderung für Zuhörer_in und Musiker_in. Seine Aufführung dauert in der Regel zwischen 60 und 70 Minuten, wobei die Kombination aus repetitiver Anmutung und geringfügiger Variation die Illusion von sich wiederholenden Mustern erzeugt. Diese Schemata versuchen die Zuhörer_innen kognitiv zu erfassen und die Logik hinter der Musik zu begreifen. Es gibt allerdings keine offensichtliche Logik, da die Muster sich permanent verändern.

Opus 17 a ist sowohl eine visuelle Arbeit als auch eine musikalische Komposition, basierend auf 36 »Gedichten«, die jeweils aus einem Titel und Darbovens Kalkulationen auf einer Konfirmationsglückwunschkarte bestehen. Aus diesen Gedichten ergibt sich die Partitur, in der ein Gedicht zwei Seiten einnimmt. Die mathematische Übertragung in Musik beruht auf einem System, das der Zahl 1 den Ton E zuordnet, 2 F, 3 G und so weiter, und stellt eine direkte Transkription von Darbovens berühmten Zahlenzeichnungen dar.

Autor_in: Michael Duch

...weniger