Hotel Morphila Orchester

aktiv 1978–1982; Comeback 2011

Biografie

Hotel Morphila Orchester

Als eine der ersten Künstlerbands in Wien gründen Peter Weibel (Gesang, Text) und Loys Egg (Komposition, Gitarre) 1978 das Hotel Morphila Orchester. Weitere Mitglieder sind Paul Braunsteiner, Maler und Leadgitarrist der bekannten österreichischen Rockgruppe Novaks Kapelle, Günther Dinold, Bassist der Worried Men Skiffle Group, und Reinhard Blank, Werbegestalter und Autodidakt am Schlagzeug, sowie später Franz Machek (Bass), Wolfgang Stelzer (Schlagzeug) und Franz Dorfner (Bass). Der Bandname spielt auf die weitgehend ausgestorbene Tradition der Hotelorchester an und soll kranke und morbide Assoziationen wecken:

»Der Name des Hotels, der zwischen morbid, Morphium, Morpheus (Traum- und Schlafgott), Mephistopheles, Morphe (Gestalt), Godzilla etc. schwankt, deutet an, welchen Charakter das Hotel, seine Gäste und seine Musik haben: Monster-Rock von Energie-Maschinen, heiße Hammer-and-Phase-Melodien, die schweben wie gasgefüllte Zeppeline, Musik der schweren Wasser, Primär-Rock, Musik der Metropole, ›crazy crash music‹, Neon-Rock, Code-Brecher, Klinik-Musik für Patienten aller Art.« (Peter Weibel, 1979)

Die Band besteht zunächst bis 1982 und erlebt ab 2011 ein Comeback mit einigen Konzerten, darunter 2015 anlässlich von Weibels Personale im Wiener Museum des 21. Jahrhunderts.

Peter Weibel
geboren 1944 in Odessa, lebt in Wien und Karlsruhe

Studium der französischen Literatur, Filmwissenschaft und Komparatistik, Medizin und später Mathematik mit Schwerpunkt Logik

Ab 1976 Lehrtätigkeiten u. a. an der Hochschule (heute Universität) für angewandte Kunst Wien, dem College of Art and Design in Halifax, Kanada, und der Gesamthochschule Kassel

Seit 1984 Professor für visuelle Mediengestaltung an der Universität für angewandte Kunst Wien

1984–1989 Associate Professor for Video and Digital Arts am Department for Media Study der State University of New York in Buffalo, N. Y., dort Aufbau des Digital Arts Laboratory

1989–1994 Aufbau und Leitung des Instituts für Neue Medien an der Städelschule in Frankfurt am Main

1999–2019 Vorstand des ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe

2017 Gründung des Peter-Weibel-Forschungsinstituts für digitale Kulturen an der Universität für angewandte Kunst Wien, der Weibel sein Archiv schenkt


Loys Egg

geboren 1947 in Bern

Studium an der Universität für angewandte Kunst Wien und der Akademie der bildenden Künste Wien

1972–1984 Lehrtätigkeit an der Universität für angewandte Kunst Wien

1989 Rückzug aus dem Kunstmarkt, Arbeit als Grafiker

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Peter Weibels Arbeit umfasst Text, Zeichnung, Fotografie, Performance und Medienkunst (Experimentalfilm, Video- und Computerarbeiten), skulpturale, installative Werke und Musik, wobei er generell einem konzeptuellen Ansatz verpflichtet ist. Ausgehend von semiotischen und linguistischen Überlegungen, beschäftigt ihn die Rolle von Sprache und Medien bei der Konstruktion von Wirklichkeit.

In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre bewegt sich Weibel im Kreis der Wiener Gruppe und der Wiener Aktionisten. Ab 1966 arbeitet er mit VALIE EXPORT, Ernst Schmidt jr. und Hans Scheugl an einem »erweiterten Kino«, das die ideologischen und technischen Bedingungen filmischer Darstellung offenlegt. Mit seinen teleaktionen, die das österreichische Fernsehen ORF 1972 im Rahmen der Sendung Impulse ausstrahlt, überschreitet er die Grenzen des Galerieraumes. Mitte der 1980er-Jahre erforscht er die Möglichkeiten computergestützter Bearbeitung von Video. Anfang der 1990er-Jahre realisiert er erste interaktive computerbasierte Installationen.

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In seinen zahlreichen Vorträgen und Artikeln spricht und schreibt Weibel über zeitgenössische Kunst, Mediengeschichte, Medientheorie, Film, Videokunst und Philosophie. Als Theoretiker und Kurator setzt er sich für eine Kunst und eine Kunstgeschichtsschreibung ein, die Technikgeschichte und Wissenschaftsgeschichte berücksichtigt.


Loys Egg ist Bildhauer, Maler und Grafiker und gestaltet vor allem abstrakte, reliefartige Objekte, die er zu größeren wand- oder raumfüllenden Ensembles (Raumzeichnungen) kombiniert.

Autor_in: Eva Badura-Triska

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Musik

Musik

Ab Mitte der 1960er-Jahre schafft Peter Weibel konzeptuelle Soundobjekte und -environments, die seinen generell sprach- und medienkritischen Anliegen entsprechen. »alles, was sound/ton ist, ist zugleich auch sprache. […] die erweiterung der tonwelt bedeutet auch eine erweiterung der kommunikation. […] die verbindung zwischen tonwelt und sozialwelt schaffen die elektronischen apparaturen.« (Weibel, 1966)

Die musikalische Praxis des 1978 von Weibel mit Loys Egg gegründeten Hotel Morphila Orchesters ist stark durch die von ihm verfassten und im Sprechgesang vorgetragenen kritisch-sarkastischen Songs bestimmt, die unter anderem mit vorgefundenem Textmaterial operieren: In Sex in der Stadt (1983 als Single sowie Musikvideo erschienen) liest Weibel Kontaktanzeigen aus einer Zeitung vor beziehungsweise bespricht bei einer Aufführung im Rahmen des Festivals performances 79 im Lenbachhaus in München live via laut verstärktes Telefon mit Sexanbieterinnen ausgefallene Wünsche: »Uns war damals allen klar, dass die Musik aus der Sprache entstehen muss.« (Weibel, 2014)

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1982 bildet Loys Egg zusammen mit dem Dichter Joe Berger die Band Orphila, benannt nach dem Pariser Hotel Orfila, in dem August Strindberg residierte.

Weibel gründet mit völlig neuer Besetzung die 1983/1984 bestehende Formation Noa Noa, benannt nach dem gleichnamigen Buch des Malers Paul Gauguin.

1984 wird mit Der künstliche Wille beim Ars-Electronica-Festival im Linzer Brucknerhaus die erste von bislang fünf Medienopern Peter Weibels aufgeführt.

Autor_in: Eva Badura-Triska

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Hotel Morphila Orchester, Dead in the Head / Tot im Kopf, 1978

ORF-TV-Sendung Austro-Pop, aufgenommen im Wiener Café Central, 10. 2. 1980, mit Paul Braunsteiner (guit.), Loys Egg (guit.), Franz Machek (bass guit.), Wolfgang Stelzer (dr.), Peter Weibel (voc.), 4:33 min

Dead in the Head, 1978 komponiert, 1982 als Single veröffentlicht, ist der Titel eines Hotel-Morphila-Orchester-Songs, mit dem die Band 1980 in der ORF-Sendung Austro Pop auftritt. Weibel schlägt hier zu Beginn mit dem Mikrofon den Takt so fest auf seine Stirn, dass dort rote Flecken bleiben, bevor er »I am dead in the head and sick in the dick« singt.

Autor_in:

Eva Badura-Triska

Weiterführender Text: