John Cage

geboren 1912 in Los Angeles; gestorben 1992 in New York

Biografie

1930–1932 Europareise

1932–1937 Klavierstudium in Detroit, Los Angeles und Paris sowie Kompositionslehre bei Henry Cowell und Arnold Schönberg

1934 Heirat mit Xenia A. Kashevaroff (Scheidung 1946)

1939 Lehrtätigkeit an der Cornish School in Seattle

1941 Professur an der Chicago School of Design

1942 Umzug nach New York und Lehrtätigkeit an diversen Colleges

in den 1940er-Jahren Kontakte mit Vertreter_innen der New York School, eines Kreises amerikanischer Maler_innen und Dichter_innen, die auch Cage beeinflussen; Auseinandersetzung mit dem abstrakten Expressionismus, ebenso wie mit Erik Satie, fernöstlicher Philosophie und dem Zenbuddhismus sowie den Schriften von Meister Eckhart, Henry David Thoreau und James Joyce

1948 und 1952 Lehrtätigkeiten am Black Mountain College, dort 1952 erstes Multimediahappening

1953 Gründung und musikalischer Leiter der Merce Cunningham Dance Company mit seinem Lebensgefährten, dem Tänzer und Choreografen Merce Cunningham

1956 Lehrtätigkeit an der New School of Social Research, New York

1954–1969 lebt in einer anarchistisch-pazifistischen Kooperative in Stony Point, New York; seit dieser Zeit intensive Beschäftigung mit Mykologie, der Wissenschaft von den Pilzen

1962 Gründung der Mycological Society in New York

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Cage setzt sich im Rahmen einer Europareise mit der abstrakten Moderne auseinander und unterhält in den 1950er- und 1960er-Jahren engste Kontakte mit bildenden Künstler_innen in New York. Seine intensive Auseinandersetzung mit dem abstrakten Expressionismus und östlichen Philosophien und Weisheitslehren führt ihn musikalisch und bildnerisch zu Experimenten mit dem Zufall als offener Methode. Auf dieser Basis entstehen von 1983 bis 1992 die sogenannten Ryoanji-Zeichnungen und -Aquarelle, eine Gruppe von rund 170 Blättern, die sein grafisches Hauptwerk bildet.

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John Cage verbringt ab 1930 eineinhalb Jahre in Europa, wo er sich unter anderem mit der abstrakten Malerei auseinandersetzt und sich selbst kurz als Maler versucht. Für den aufkommenden Surrealismus und die Psychoanalyse kann er sich nicht begeistern und zieht den Dadaismus vor. Die intensive Auseinandersetzung mit dem abstrakten Expressionismus, Gespräche mit Marc Tobey und vor allem dessen White Writing-Werke verändern seine Sichtweise fundamental. Die philosophische Erkenntnis, dass kein Pinselstrich im selben Weiß gemalt sein kann und die Komposition, wie auch bei Mondrian, über den Rahmen hinausweist, überträgt sich ihm beim Blick auf das weitläufige Straßenpflaster, das kein Zentrum hat. Er leitet daraus für die Musik ab, dass Kompositionen keinen Höhepunkt haben müssen, negiert die Grenze zwischen Kunst und Leben und beschäftigt sich in Folge mit dem Zenbuddhismus.

1962 besucht Cage den berühmten, um 1500 angelegten Mediationsgarten des Zentempels Ryoanji in Kioto. Dort fasziniert ihn die Verteilung von 15 Steinen auf bemoosten Inseln auf einer Fläche von fein gerechtem weißem Kies. Sie ist logisch nicht erklärbar, sondern kann nur erlebt werden, denn kein Blickwinkel erlaubt alle Steine gleichzeitig zu sehen. Cage ist von einer zufälligen Entstehung des Gartens überzeugt und verarbeitet seinen Eindruck zunächst musikalisch und erst später zeichnerisch, da ihm sein Lehrer Arnold Schönberg das Versprechen abgenommen hatte, sich zeitlebens ausschließlich der Musik zu widmen.

Cages erste bekannte bildnerische Arbeit, Not Wanting to Say Anything About Marcel, ein Objekt, das sich aus Plexiglasscheiben mit Buchstaben und Wortfragmenten in verschiedenen Schriftarten zusammensetzt, entsteht 1969. Ab den späten 1970er-Jahren fertigt er Druckgrafiken an. Von 1983 bis 1992 entsteht die Gruppe der Ryoanji-Zeichnungen, die auf einer Zufallsmethode beruhen. Durch die Befragung des I-Ging, eines alten chinesischen Orakels, ermittelt Cage sowohl die Positionierung von 15 verschiedenen Steinen auf Papier oder Radierplatte als auch die Stärke der Bleistifte, mit denen er diese Steine mehrfach umkreist. Ab 1988 folgen Ryoanji-Aquarelle. 1992 entsteht seine letzte grafische Arbeit, Without Horizon. Für die Präsentation seiner zweidimensionalen Werke entwickelt Cage ein Hängesystem, das ebenfalls auf Zufallsoperationen beruht.

Autor_in: Doris Leutgeb

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Musik

Musik

John Cage gehört zu den einflussreichsten Komponist_innen experimenteller Musik des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zur Methodik und Regelverpflichtung der meisten europäischen Avantgarden pflegt er einen offenen, prozessorientierten Zugang, bei dem Zufalls-, aber auch automatisierte und interaktive Operationen eine wesentliche Rolle spielen. Indem er dafür allerdings immer die Parameter festlegt, bleibt er Urheber jeder Komposition.

Cage sieht Töne, Klänge und Geräusche als gleichwertig und erweitert das Klangspektrum, indem er ab 1938 Klaviere durch Einbau verschiedenster Gegenstände präpariert und in der Folge auch von Alltagsobjekten erzeugte Klänge und Geräusche in seine Kompositionen einbezieht. Zudem begreift er die Stille, die in der Praxis nie eine vollständige sein kann, nicht als Pausenelement, sondern als aktives Hörereignis.

Cage war mit Marcel Duchamp befreundet, der bereits 1913 Kompositionen auf Basis von Zufallsoperationen erstellt hat, wenngleich noch im Hinblick auf traditionelle Instrumente. Durch seine Musik, aber auch seine Lehrtätigkeiten übt Cage prägenden Einfluss auf zahlreiche Künstler_innen aus, ganz besonders auf Vertreter_innen der Fluxus-Bewegung, darunter Nam June Paik. Cage schreibt eine Hommage à Duchamp und Paik eine Hommage à John Cage.

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In den 1930er-Jahren gründet Cage ein eigenes Percussion-Ensemble, in dem vorübergehend Merce Cunningham und László Moholy-Nagy spielen. 1938 präpariert er erstmals ein Klavier, indem er diverse Objekte zwischen die Saiten klemmt, um veränderte Klänge zu erzeugen. 1946 bis 1948 entstehen für präpariertes Klavier Sonatas and Interludes. Seine Kompositionen umfassen unter anderem Klavier-, Kammer-, Schlagzeug-, Vokalmusikwerke und Ballette.

Ab den 1950er-Jahren erweitert er unter dem Einfluss fernöstlicher Philosophie wie des Zenbuddhismus und östlicher Weisheitslehren wie des I-Ging traditionelle Kompositionstechniken durch die Hereinnahme des Zufalls als Phänomen der Unvorhersehbarkeit. Diesem Prinzip entspricht auch eines seiner bekanntesten Stücke, 4’33” (1952), dessen Titel für die Zeitspanne einer Stille steht. Anlässlich der Uraufführung zeigt der Pianist David Tudor die drei Sätze (Anweisung: tacet) nur durch Öffnen und Schließen des Klavierdeckels an. Stille tritt de facto nie ein. Das Stück entsteht durch Geräusche im Raum, die während jeder Aufführung passieren.

In den 1960er-Jahren experimentiert Cage mit dem Computer (HPSCHD, 1967–1969). Am 5. März 1968 veranstaltet Marcel Duchamp mit John Cage eine Schachpartie mit dem Titel Reunion in Toronto. Bei jedem Zug lösen im Schachbrett verborgene Sensoren Tonfolgen aus. Für Child of Tree verwendet Cage 1975 sogar Pflanzenmaterial zur Geräuscherzeugung. Ab 1987 schreibt er die fünfteilige Opernserie Europeras, seine wohl radikalste Arbeit für das Musiktheater. In den letzten Jahren seines Lebens komponiert Cage Number Pieces (»Zahlenstücke«), wobei die Zahlen der Anzahl der Musiker_innen entsprechen.

Seine Kompositionen notiert Cage häufig grafisch. In den 1950er-Jahren macht er zum Beispiel die Unebenheiten von holzartigem Papier kenntlich, um sie für die Tonhöhe einer Komposition zu übernehmen, oder verwendet Zahlenreihen, Land- und Sternenkarten.

Autor_in: Doris Leutgeb

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

John Cage, Water Walk, 1959

CBS-TV-Show »I’ve Got a Secret« mit John Cage, 1960, 4:32 min

John Cage Trust


1960 führt John Cage in der populären TV-Show I’ve Got a Secret seinen Water Walk auf, der aufgezeichnet wird. Der Moderator betont, dass die Reihenfolge der Geräusche keinesfalls zufällig sei, sondern in mathematischer Genauigkeit ablaufe und zeitlich kontrolliert werde. Auf der Bühne stehen unter anderem ein Tonbandgerät, eine volle Badewanne, Tische, ein köchelnder Druckkochtopf, ein Wasserkrug, vier Radioapparate und ein geöffneter Klavierflügel. Cage erklärt, dass der Titel dieses Stücks sich auf das Wasser in der Badewanne beziehe, ebenso wie darauf, dass er während der Performance hin und her gehe.

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Vom einsetzenden Gelächter unbeeindruckt, schaltet Cage erst ein Tonbandgerät ein und erzeugt dann auf unterschiedliche Art Geräusche, blickt laufend auf eine Stoppuhr und schlägt immer heftiger auf vier Radioapparate, die er aus rechtlichen Gründen nicht einschalten durfte. Er agiert höchst ernsthaft, während sich das Gelächter des Publikums steigert und schließlich überschlägt, als der Künstler die Radios nacheinander von den Tischen stößt und sie laut am Boden aufschlagen. Er erklärt, dass er die Partitur ändern musste, da er die Radios nicht aufdrehen durfte und daher auch nicht abdrehen könne. Schließlich schaltet er das Tonbandgerät ab und beendet das Stück, indem er auf den sprudelnden Druckkochtopf das Ventil setzt. Das Gelächter wird zum Bestandteil der Musikaufführung.

Autor_in: Doris Leutgeb

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Autor_in:

Doris Leutgeb