Laibach

gegründet 1980

Biografie

1980 Formation der Band in der slowenischen Stadt Trbovlje, damals Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien

1982 erste Konzerte in Ljubljana, Zagreb und Belgrad auf der »Tournee der drei Hauptstädte«; Suizid des Sängers Tomaž Hostnik

1983 Abbruch eines Konzerts in Zagreb durch Armee und Polizei; nach dem Auftritt in einer TV-Show Verbot des Namens Laibach und Auftrittsverbot in ganz Jugoslawien (bis 1987)

1983–1985 Occupied-Europe-Tour durch diverse west- und mitteleuropäische Städte

1984 Gründung der Dachorganisation Neue Slowenische Kunst (NSK) gemeinsam mit der Künstlergruppe IRWIN (Malerei, Grafik) und der Theatergruppe Gledališče Sester Scipion Nasice (später Kozmokinetično Gledališče »Rdeči Pilot« beziehungsweise Kozmokinetični kabinet NOORDUNG); gemeinsame Einrichtung des Grafikbüros Novi Kolektivizem und anderer Unterabteilungen

Ab 1984 Plattenveröffentlichungen auf nationalen (ŠKUC/Ropot) und internationalen Labels (Walter Ulbricht Schallfolien, Cherry Red, Mute)

Ab 1986 Zusammenarbeit mit diversen Regisseuren und Choreografen für nationale und internationale Bühnenproduktionen

1992 gemeinsame Gründung des NSK State in Time, eines bis heute existierenden parastaatlichen Gebildes

1994–1995 zweijährige Occupied-Europe-NATO-Tour durch verschiedene west- und osteuropäische Städte

Ab Mitte der 1990er-Jahre Arbeit mit diversen Orchestern, Filmproduktionen sowie weitere Theaterarbeiten

2015 Auftritte in Pjöngjang, Nordkorea

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Laibach ist der musikalische Flügel der 1984 gegründeten Organisation Neue Slowenische Kunst (NSK), der neben der Theatergruppe Scipion Nasice (später »Roter Pilot« beziehungsweise NOORDUNG) auch die Künstlergruppe IRWIN angehört. Letztere, benannt nach einem Pseudonym Marcel Duchamps, trat erstmals 1983 in Erscheinung. Bis dahin hatte die Musikgruppe selbst schon mehrere Ausstellungen unter dem Signet »Laibach Kunst« ausgerichtet. Charakteristisch für die ab 1981 stattfindenden, oft nur einen Abend lang dauernden Schauen war die Kombination von Malerei (häufig »nachgemalte« Klassiker der Volkskunst oder des sozialistischen Realismus), grafischen Arbeiten (vielfach mit der damals neuen Technik der Xeroxkopie erstellt), Videomontagen und dokumentarischem Material (etwa über ihre Occupied-Europe-Tour 1983). Der Stil dieser Werke zeigte sich auch markant in den vielen Postergestaltungen, mit denen Laibach (oft kontrovers) in der Öffentlichkeit in Erscheinung trat, sowie dem Design ihrer Kassetten- und Plattenveröffentlichungen ab 1983. Dieses visuelle Erscheinungsbild, das Elemente aus Nazizusammenhängen ebenso in sich aufnahm wie kommunistische Symbole oder Motive aus Folklorezusammenhängen, stand stets im Zeichen eines furchtlosen, »überidentifikatorischen« Durchschreitens von Ideologie- und Herrschaftsphantasmen. Es sollte den Weg von Laibach, die sich ab Mitte der 1980er-Jahre primär dem Musiksektor zuwandten, bis heute prägen.

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Autor_in: Christian Höller

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Musik

Musik

1980 in der slowenischen Bergbaustadt Trbovlje gegründet, setzte die Band bereits mit der Wahl des deutschen Namens Laibach auf gezielte politische Provokation. Im damaligen Jugoslawien verpönt, verbargen sich die Mitglieder hinter den gleichfalls »germanofonen« Pseudonymen EBER – SALIGER – KELLER – DACHAUER. Der ins Bombastische neigende Sound der Gruppe war von Beginn an von Post-Industrial-Elementen (starke Perkussionslastigkeit, maschineller Klang), zugleich aber auch von totalitär anmutenden Zutaten geprägt (klassizistische Fanfaren, martialische Intonation, deutsche Texte, die einem starken Führerprinzip zu huldigen schienen). Dabei ist die Musik von Laibach dem Prinzip der »Retroavantgarde« verpflichtet, so wie dies auch im künstlerischen Schaffen der übrigen NSK-Gruppen der Fall ist: Die Kompromittierung der historischen Avantgarden durch die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts soll durch Aufgreifen und Bloßstellen jener Symbole, auf denen ihre Herrschaft visuell aufbaute, bearbeitet und überwunden werden. Diese Form des Zitierens wird als probates Mittel erachtet, um so die Phantasmen und Traumata von Diktatur und antidemokratischer Herrschaft zu durchbrechen. In der Bandikonografie manifestiert sich dies in der exzessiven Verwendung eines schwarzen Kreuzes, eine ambivalente Anspielung auf Kasimir Malewitschs gleichnamiges Bild ebenso wie auf das griechische (gemeine) Kreuz und das Balkenkreuz der deutschen Wehrmacht.

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Musikalisch ging man alsbald dazu über, »neue Originale« (Alexei Monroe) von scheinbar unpolitischen Popklassikern zu schaffen und dabei deren latent faschistoiden Gehalt bloßzulegen. Elemente aus der Klassik (Wagner, Bruckner, Orff, Schostakowitsch, Penderecki) gehen in der stark samplingbasierten Laibach-Musik Hand in Hand mit Übernahmen aus Popstücken von Queen, Opus, den Beatles oder den Rolling Stones – eine Fusion, die auch als »militanter Klassizismus« bezeichnet wird. Laibach pflegen diesen Stil unter Hinzufügung immer neuer Genreelemente, sei es aus Metal, Hip-Hop oder Techno, bis heute und haben ihn zuletzt in Werken wie Also sprach Zarathustra oder The Sound of Music konsequent umgesetzt.

Autor_in: Christian Höller

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Laibach

Geburt einer Nation / Birth of a Nation, 1987 mit Dejan Knez (synth., perc. b.), Ivan Novak (synth. voc.), Milan Fras (voc.), Daniel Landin (clarinet), 4:21 min

Film: Daniel Landin, Published/Released: Mute Records

1987 coverten Laibach für ihre LP Opus Dei den Song »One Vision« der englischen Megaband Queen. Damals schon beim Label Mute unter Vertrag und einem internationalen Publikum bekannt (und aufgrund ihrer Totalitarismusbezüge heftig umstritten), produzierten Laibach unter der Regie des Briten Daniel Landin einen Musikclip dafür. Die Band folgt sowohl in der Neufassung des Songs als auch in der Clipinszenierung ihrem Prinzip der Überaffirmation: Ohne viel literarisches Zutun wird so aus Freddie Mercurys »one flesh, one bone, one true religion« – in der zugegeben stark martialisch überformten Intonation des Sängers Milan Fras – die unsägliche deutsche Ansage »ein Fleisch, ein Blut, ein wahrer Glaube«. Und die Zeile »gimme one vision« mutiert, untermauert mit Pauken und Trompeten, zum flehentlichen Aufruf: »Gebt mir ein Leitbild!« Die visuelle Inszenierung, teils aus der Theaterproduktion Krst Pod Triglavom (1986) übernommen, bekräftigt und unterminiert dies zugleich: der Sänger mit nacktem Oberkörper und Alpinmütze der jugoslawischen Volksarmee, zwei Trommler wie Hitlerjungen zu seiner Seite, dazu noch inbrünstig zu Werke gehende Fanfaren- und Hymnenbläser. »Jawoll! Ja! Jawoll!«, röhrt Fras, bis langsam immer mehr der hohle Theatergestus zutage tritt und das Laibach-Kreuz in Flammen aufgeht.

Autor_in:

Christian Höller