Laurie Anderson

geboren 1947 in Glen Ellyn, Illinois; lebt in New York

Biografie

Studium der Kunstgeschichte am Barnard College, New York

1972 Abschluss des Master of Fine Arts mit Schwerpunkt Skulptur an der Columbia University in New York, Studium bei Sol LeWitt und Carl Andre

1977 Entwicklung des Viophonographen sowie zahlreiche weitere Experimente mit Sound

Zusammenarbeiten mit William S. Burroughs, Peter Gabriel, John Cage, Philip Glass und anderen

Seit 1995 mit Lou Reed liiert, Heirat 2008

2004 erste Künstlerin des Artist-in-Residence-Programms der NASA

Bildnerische Kunst und Musik

Bildnerische Kunst und Musik

Als Medien- und Musikpionierin wird die Performancekünstlerin, Erfinderin und Poetin Laurie Anderson in den 1970er-Jahren zu einer bedeutenden Figur der US-amerikanischen Avantgarde. Neben der Erfindung neuartiger Instrumente der elektronischen Musik wie des Viophonographen (1977) experimentiert sie bildnerisch und klanglich mit Text, Bild, Körper und Technologie. In späteren Performances setzt sie immer wieder einen Vocoder zur Verfremdung ihrer Stimme ein, um so mit Geschlechterrollen zu kokettieren. Trotz des starken Einflusses neuer Technologien – vor allem in aufwendigen Bühnenshows mit großflächigen und multiplen Projektionen – bleibt Anderson der Technoaffirmation gegenüber verhalten. So verheißungsvoll die kybernetische Utopie (Verschmelzung von Mensch und Maschine) auch scheinen mag, die Bedürfnisse des Lebens und der Sinnlichkeit sollten sich ihr nicht unterwerfen.

Die Grenzen zwischen visueller und Klangwelt sind in Laurie Andersons Œuvre nicht ganz einfach zu ziehen. Obwohl die Musik den Schwerpunkt ihrer Arbeit bildet, artikuliert sich die Künstlerin auch als Malerin, Filmemacherin und in der Skulptur. Dies manifestiert sich wiederum in Bühnendesigns für Performances oder der jüngsten Virtual-Reality-Installation The Chalkroom (2017), in denen Anderson immer wieder eine Spannung zwischen Technologie und ästhetischer Praxis zu erzeugen vermag.

Inhaltlich greift Anderson auf Erlebnisse ihres kosmopolitischen Lebens zurück, die sie humorvoll und allegorisch verarbeitet, in dem sie sich selbst in ihrer Umwelt reflektiert. Ihre Sujets sind politische und gesellschaftskritische Themen, insbesondere Kritik an sozialen Hierarchien, die sie gerade in Bezug auf Geschlechterrollen hinterfragt.

Der maschinelle Fortschritt und die daraus gewachsene Computertechnologie füttern die Technoavantgarde seit der industrialisierten Moderne mit Visionen einer Verschmelzung von Mensch und Maschine. Den brutalen Fortschrittsglauben dieser Kybernetik fordert Anderson durch Offenlegung der Verwundbarkeit dieses technologischen Ideals heraus. Als Medienkünstlerin, die die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft versiert zu verschmelzen vermag, plädiert sie für eine konsequent menschliche Rezeption neuer technologischer Möglichkeiten und verweist auf die bedingungslose Notwendigkeit des Menschen in der Technoutopie.

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Die Installation Handphone Table aus dem Jahr 1978 ist eine partizipative Skulptur mit einem spezifischen Klangerlebnis, das die Körper der jeweiligen Betrachter_innen involviert. Mittels zweier Übertragungsflächen, die jeweils am Kopfende eines Tisches eingelassen sind, werden Schallwellen über die Unterarmknochen und die Handflächen ins Ohr übertragen. Laurie Anderson verweist damit auf den Resonanzkörper des menschlichen Skeletts, dessen Bedeutung allzu oft in der Rezeption von Klang außer Acht gelassen wird. An beiden Tischenden sind Musikaufnahmen zu hören, einmal vokal, also menschliche Stimmen, und einmal instrumental.

The Chalkroom, ein Projekt, das Anderson 2017 mit dem Medienkünstler Hsin-Chien Huang realisiert, ist eine virtuelle Animation, die die Erkundung einer parallelen Sprach-, Bild- und Klangwirklichkeit ermöglicht. Hier kommen auch Andersons bildnerische Fertigkeiten zum Tragen, die schwarz-weißen Zeichnungen entsprechen dem Stil ihrer Malerei.

In ihrer Frühzeit steht Laurie Anderson mit ikonischen Künstlern der neuen Musik wie John Cage oder Philip Glass in Kontakt, folgt aber deren avantgardistischen Ansätzen nicht unmittelbar. Als Teil ihrer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit Technoentwicklungen und -utopien und deren transhumanen Versprechen wendet sie sich zunächst einer Beschäftigung mit den Instrumenten als Werkzeugen des Musizierens zu und befragt deren Möglichkeiten vor dem aktuellen Hintergrund. Dies führt sie zur Erfindung des Viophonographen, einer Violine, die sie technisch updatet, indem auf dem Steg ein elektronischer Abnahmekopf montiert sowie im Inneren ein Aufnahmegerät eingebaut wird. Der Geigenbogen besteht aus einem bespielten Magnetband, das beim Auf- und beim Abstreichen vorwärts und rückwärts abgespielt wird.

Autor_in: Lona Gaikis

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Laurie Anderson

O Superman, 1982, mit Laurie Anderson, 7:27 min

Mit diesem Song, der Teil ihrer größeren Arbeit United States Live ist, eroberte Anderson 1981 Platz zwei der UK-Singles-Charts, nachdem der einflussreiche englische Radiomoderator und DJ John Peel ihn propagierte hatte. Damit wurde die damals außerhalb der Kunstwelt noch kaum bekannte Künstlerin schlagartig berühmt. Zunächst als Single herausgebracht, wurde das Lied 1982 Teil ihres Debütalbums Big Science.

Inhaltlich entspricht der Song dem Leitthema ihres Schaffens: Es geht um Technologie und Kommunikation versus Humanismus. In einer Mischung aus Popmusikvideo, Informationsclip und prophetischem Orakel besingt sie ihr Heimatland, die Vereinigten Staaten von Amerika, und dessen technologischen wie geopolitischen Eroberungszug. Inspiriert von der Arie »Ô souverain, ô juge, ô père« (»O Herrscher, o Richter, o Vater«) aus Jules Massenets Oper Le Cid (1885), besteht die Einleitung aus der Wiederholung des Textes »O Superman / O Judge / O Mom and Dad«, wobei man »Mom« und »Dad« vielleicht als Allegorie auf Vaterland und Muttersprache lesen könnte.

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Vor dem Hintergrund der Geiselnahme in der US-amerikanischen Botschaft in Teheran von Ende 1979 bis Anfang 1981 und konkret angestoßen durch den Absturz eines US-Militärhubschraubers im Zuge einer fehlgeschlagenen Befreiungsmission, ist dieser Song eine kritische Reflexion über imperiale Machtinteressen und Gewalt, denen Anderson letztlich die Hegemonie von Mutter Erde gegenüberstellt: »’Cause when love is gone, there’s always justice / And when justice is gone, there’s always force / And when force is gone, there’s always Mom. Hi Mom!«

Autor_in: Lona Gaikis

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Autor_in:

Lona Gaikis