Luigi Russolo

geboren 1885 in Portogruaro, Italien; gestorben 1947 in Laveno-Mombello, Italien

Biografie

Russolo entstammt einer musikalischen Familie

1901 Umzug nach Mailand und Entscheidung, Maler zu werden; intensiver Austausch mit Schülern der Akademie Brera; Praktikum bei einem Restaurator

1907/1908 erste grafische Werke

1909 schlägt die Geburtsstunde des Futurismus; Russolo tritt der Bewegung bei; erste Ausstellungen und Beginn der engen Freundschaft mit Umberto Boccioni

1913 Wechsel zur Musik und Abfassung seiner Hauptschrift »L’arte dei rumori« (»Die Kunst der Geräusche«, Buchveröffentlichung 1916); Russolo wird damit zum Begründer des Rumorismo (oder Bruitismus, der Geräuschmusik); er erfindet neuartige Instrumententechnik und verfasst etliche Artikel zur Erneuerung der Musik

1917 schwere Verwundung als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg

1927 Umzug nach Paris aufgrund seiner Ablehnung des Faschismus in Italien

1929 letztes öffentliches Konzert

1931 Bekanntschaft mit Guido Torre, der ihm die okkulten Wissenschaften eröffnet

1933 Rückkehr nach Italien und intensive philosophische Studien

1938 Herausgabe des Buches Al di là della materia (»Jenseits der Materie«); in seinen späten Jahren Rückwendung zur Malerei

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Luigi Russolo beginnt als Grafiker und wird nach seinem Beitritt zur futuristischen Bewegung ab 1910 ein Maler des Futurismus, der stilistisch das aufkommende moderne Industriezeitalter verherrlicht. Mit seinem Wechsel zur Musik im Jahr 1913 tritt die Malerei in den Hintergrund, bleibt aber bis an sein Lebensende ein Thema.

...mehr/Abbildungen

Russolo fertigt 1907/1908 eine Serie von Radierungen nach Themen von Umberto Boccionis Grafik noch im Stile des Symbolismus. Ab 1910 malt er typisch futuristische Bilder, Synthesen aus gegenständlicher Form und zeitlich simultanen Bewegungsabläufen. Die Buntheit der Farben spiegelt seine optimistische Begeisterung für das aufstrebende industrielle Zeitalter, für dessen Rhythmen, Bewegung und Dynamik. Ebenso manifestiert sich diese in Bildtiteln wie Dynamismus eines Automobils oder Formen und Rhythmen. Das rein Visuelle der Malerei wird Russolo bald zu wenig. Sensibilisiert durch die Musikalität seiner Familie, interessieren ihn besonders die Klänge und technischen Geräusche, die mit den neuen Maschinen in den Alltag brechen.

Mit seinem programmatischen Wechsel zur Musik gibt Russolo die Malerei über Jahre fast vollständig auf. Eine Rückbesinnung erfolgt erst wieder ab den 1940er-Jahren. 1945 stellt er in Mailand eine Werkserie aus, die er selbst als klassisch-modern bezeichnet.

Autor_in: Doris Leutgeb

...weniger
Musik

Musik

Russolo propagiert die Erweiterung der Musik durch Maschinen- und Alltagsgeräusche, die Töne ersetzen sollen. Das tägliche Leben soll auf diese Weise direkt in die Kunst eingebracht werden. Um solche Geräusche technisch erzeugen zu können, wird er zum Erfinder auf dem Gebiet der Instrumententechnik. Er begründet den Bruitismus (vom französischen »bruit«, Lärm, Geräusch) und wird zu einem der Pioniere der Musikerneuerung des 20. Jahrhunderts.

...mehr/Abbildungen

Als Musiker und Komponist gehört Francesco Balilla Pratella dem Kreis der Futuristen an. Zwischen 1910 und 1912 publiziert er drei Manifeste zur futuristischen Musik (»Manifesto dei musicisti futuristi«, 1910; »Manifesto tecnico della musica futurista«, 1911; »Distruzione della quadratura«, 1912). In seinen Werken erweitert er das Klangspektrum traditioneller Instrumente durch weitere Differenzierung der Chromatik und tritt zudem für Improvisation und unregelmäßige Rhythmik ein. Russolo kennt Pratella aus Paris und steht mit ihm in Briefwechsel. 1913 verfasst Russolo sein eigenes Manifest »L’arte dei rumori« (»Die Kunst der Geräusche«), in dem er als bildender Künstler und autodidaktischer Musiker weit über Pratellas Ansatz hinausgeht und die Erneuerung der Musik durch Alltagsgeräusche propagiert. Letztere will er nicht mittels traditioneller Instrumente imitieren, sondern technisch erzeugen. Dafür erfindet er – teilweise unter Mitarbeit von Ugo Piatti – ab 1913 »intonarumori« (Geräuscherzeuger), Holzkästen in verschiedenen Größen und Formen mit Hebeln, Kurbeln, Membranen und Schalltrichtern, die er je nach Geräusch benennt: Heuler, Summer, Zischer, Gurgler, Knatterer. 1924 konstruiert Russolo das »rumorarmonio« (Geräuschharmonium), von anderen auch abfällig als »Russolophon« bezeichnet. Es besitzt neben einer Klaviatur sieben Hebel und zwei Pedale und ermöglicht es, auf einem Instrument sieben Geräusche auf zwölf Tonstufen miteinander zu kombinieren. 1926 entwickelt Russolo den enharmonischen Bogen als mechanisches Gerät, das die Saiten von Instrumenten derart zum Schwingen bringt, dass sich Klänge mit höheren Frequenzen überlagern. 1929 erfindet er noch einen speziellen Aufsatz für Orgelpfeifen, um deren Klangfülle und -spektrum zu erweitern.

Am 21. April 1914 kommt im Dal-Verme-Theater in Mailand das erste futuristische Konzert mit 18 »intonarumori« zur Aufführung, ein weiteres folgt in Genua. Nach Publikumsprotesten in Italien erntet Russolo im selben Jahr in London großen Applaus. »Intonarumori«, das »rumorarmonio« und der enharmonische Bogen, die alle patentiert werden, kommen bis Ende der 1920er-Jahre in Musikstücken und als Begleitung von Stummfilmen zum Einsatz. Sie können sich nicht durchsetzen. Der um 1930 aufkommende Tonfilm läuft ihnen endgültig den Rang ab. Keine Erfindung geht in serielle Produktion, kein Original bleibt über den Zweiten Weltkrieg hinaus erhalten.

Kompositionen von Alexander Mossolow, George Antheil, Maurice Ravel und Igor Strawinsky, den Russolo 1914 in London kennenlernt, knüpfen an Russolos Geräuschmusik an. John Cage bezieht sich explizit auf dessen L’arte dei rumori, aber auch Erik Satie, Pierre Schaeffer, der den Begriff »konkrete Musik« prägt, sowie Mauricio Kagel und die ab den 1980er-Jahren aufkommende Noise-Musik sind ihr verpflichtet. Im Gegensatz zum Bruitismus, der Alltagsgeräusche nachahmt, generiert Noise-Musik abstrakte Geräusche mit Synthesizern und Computern.

Autor_in: Doris Leutgeb

...weniger
In der Ausstellung

In der Ausstellung

Luigi Russolo, Risveglio di una città / Erwachen einer Stadt, 1913

Tonaufnahme 1977 für die Biennale di Venezia mit Rekonstruktionen der Intonarumori von M. Abate, P. Verardo, 3:50 min

Foto: Luigi Russolo, Ugo Piatti mit Intonarumori, 1914/1915

Russolo schreibt selbst Stücke für seine »intonarumori« und entwickelt dafür die enharmonische Grafik als Notationsform für Geräuschkompositionen. Im März 1914 publiziert er in der Zeitschrift Lacerba den Artikel »Enharmonische Niederschrift für die futuristischen Geräuschanstimmer« sowie zwei Seiten der Partitur seiner Komposition Risveglio di una città (»Erwachen einer Stadt«). Diese wird zu seinem wohl bekanntesten Stück. Die Stadt ist für die Futuristen das Zentrum des technischen Fortschritts. Das Stück ist eine akustische Geräuschkulisse zu Verherrlichung der klanglichen Dimension des Großstadtlärms.

Der Futurismus

Der Futurismus

Der Futurismus


Der italienische Futurismus als Bewegung, die sich ab 1908 entwickelt und 1909 mit einem Manifest etabliert, möchte der über Jahrhunderte politisch ruhmreichen, aber in kultureller Bedeutungslosigkeit erstarrten bürgerlichen Gesellschaft Italiens das Tor zur modernen Welt öffnen. Dazu propagiert er eine uneingeschränkte Verherrlichung des technischen Fortschritts. Schlüsselbegriffe sind »Geschwindigkeit« und »Bewegung«, die in Malerei, Poesie und Musik ihren Ausdruck finden. Am 20. Februar 1909 publiziert Filippo Tommaso Marinetti das »Manifest des Futurismus« in der Pariser Tageszeitung Le Figaro. Darin wird unter anderem proklamiert:

»Wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen […] ist schöner als die Nike von Samothrake. […] Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Meisterwerk sein. […] Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt –, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt […]. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht. […] besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir […] die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfängen an den Wolken hängen; […] die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen; und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Wind knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.«

Die politische Tatkraft dieser Worte verpackt in die Pathetik vitaler Poesie ist in ihrer Dynamik mitreißend. Das Programm des futuristischen Aufbruchs ist jedoch ambivalent und ideologisch nicht ohne Makel. Diese künstlerische Bewegung ist ebenso formalästhetisch und musikgeschichtlich avantgardistisch wie in ihrer gesellschaftlichen Ablehnung emanzipatorischer Bestrebungen reaktionär. In ihrem politischen Engagement offenbart sie ihren eigentlichen, gefährlichen Charakter, denn ihre Verherrlichung der Technik gilt explizit auch dem Krieg. Die Auseinandersetzung mit futuristischen Phänomenen muss daher kritisch im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Hintergründen und ihrer Verstrickung mit dem Nationalismus und Faschismus erfolgen.