Marcel Duchamp

geboren 1887 in Blainville-Crevon, Frankreich; gestorben 1968 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich

Biografie

1902 erste Malereien als Autodidakt

1904 Studium an der privaten Académie Julian in Paris

1905 Lehrabschluss als Grafiker in der Imprimerie de la Vicomté, Rouen; ein Jahr Militärdienst, danach Tätigkeit als Karikaturist in Paris; Mitglied der Puteaux-Künstlergruppe

ab 1909 erste Ausstellungen und Begründung der Freundschaft mit Francis Picabia

1912 Aufgabe der Malerei

1913 erstes Readymade

1915–1918 lebt in New York

1916 Gründung der Society of Independent Artists

1917 frühe dadaistische Publikation The Blind Man

1918–1919 Reise nach Buenos Aires, wo er intensiv Schach spielt

1919 Rückkehr nach Paris

1926–1933 hauptsächlich Schachspieler, publiziert ein Buch zum Thema

ab 1928 Schriftsteller und Ausstellungsorganisator

1942 Emigration nach New York und Organisation der Ausstellung First Papers of Surrealism; Mitbegründer des surrealistischen Magazins VVV

1952 Aufnahme in das Collège de ’Pataphysique

1955 erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft

1962 Mitglied der internationalen Autorenvereinigung Oulipo

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Duchamp beginnt als Maler, wendet sich aber 1912 unter dem Eindruck der neuen Industrietechnik von ihr ab und hinterfragt die Grundbedingungen von Kunst. Er vertritt den Standpunkt, dass die Auswahl eines beliebigen Objekts ein künstlerisch-ästhetischer Akt sein kann, und macht in seinen Readymades serielle Industrieprodukte durch Aneignung und Präsentation in einem musealen Kontext zum Kunstwerk. Als gemeinsamen Nenner für seine Readymades nennt Duchamp ihre Indifferenz (Austauschbarkeit).

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Nach Anfängen im Symbolismus und Postimpressionismus setzt sich Duchamp mit Kubismus und Fauvismus auseinander und verbindet in seinem Bild Nu descendant un escalier (Akt, eine Treppe heruntersteigend, 1912) die Formensprache beider Stile. Noch im selben Jahr gibt er nach einem Besuch der Luftfahrtschau im Pariser Grand Palais die Malerei auf: Sie »ist am Ende. Wer kann etwas Besseres machen als diese Propeller« (Duchamp). 1913 entsteht sein erstes Readymade, das Roue de bicyclette (Fahrrad-Rad), ein kinetisches Objekt, für das er ein vorgefundenes Fahrradrad verkehrt herum auf einem Holzschemel fixiert. Für seine Readymades erwirbt Duchamp handelsübliche Waren in Pariser Kaufhäusern, etwa einen »Flaschentrockner« (Abtropf-/Flaschengestell) und ein Urinal, das er Fountain betitelt und mit dem Pseudonym R. Mutt 1917 signiert. 1919 übermalt er in früher humoristisch-dadaistischer Manier eine Reproduktion der Mona Lisa mit einem Oberlippen- und Kinnbart. Ab 1920 signiert er einige Werke unter dem weiblichen Pseudonym Rrose Sélavy (»Éros, c’est la vie«). Nach Jahren, die er vor allem dem Schachspiel widmet, nähert er sich in seiner Kunst dem Surrealismus an. Sein letztes großes Werk, die surreal-enigmatische Installation Étant donnés : 1° la chute d’eau 2° le gaz d’éclairage… (»Gegeben sind: 1. der Wasserfall 2. das Leuchtgas …«, 1946–1966), wird erst nach seinem Tod bekannt.

Autor_in: Doris Leutgeb

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Musik

Musik

1912, im Jahr, in dem er die traditionelle Leinwandmalerei verwirft, beginnt Duchamp in der Musik (und wenig später auch in der bildenden Kunst) mit Zufallsprinzipien zu operieren. 1912/1913 Ende des Jahreskonzipiert er drei Musikstücke, deren Tonfolgen durch Zufallsoperationen bestimmt werden. Duchamp legt dabei jeweils die Parameter fest und lässt sich dann von den Resultaten überraschen: Die Musik wird so für ihn zu einem entscheidenden Mittel der Erneuerung. Duchamps musikalische Experimente ereigneten sich parallel zu seinen zeitgleich auftauchenden Readymades und entsprechen methodisch deren Indifferenz.

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Trois stoppages étalon (1913/1914) ist eines von Duchamps frühen bildnerischen Werken, die wie seine Musik auf Zufallsoperationen basieren. Dafür lässt er drei jeweils einen Meter lange, horizontal gehaltene Fäden aus einem Meter Höhe auf den Boden fallen. Er zeichnet auf, wie sie dort zu liegen kommen, fixiert die Fäden mit Firnis auf drei Leinwänden und fertigt Holzschablonen nach ihren Formen an, die er in Folge als widersinnige Lineale verwendet. Die mit Ernsthaftigkeit betriebene praktische Durchführung einer absurden Versuchsreihe entspricht Duchamps Wissenschaftsskepsis und seiner Auseinandersetzung mit dem von Alfred Jarry formulierten absurdistischen Philosophie- und Wissenschaftskonzept der ’Pataphysique.

Autor_in: Doris Leutgeb

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Marcel Duchamp, Erratum musical / Musikalischer Druckfehler, 1912–1913

Tonaufnahme 1994, mit Jean-Luc Plovier, Marianne Pousseur, Lucy Grauman, 1:39 min, Leitung Petr Kotik

Erratum musical ist ein kurzes Lied in drei Teilen, die mit »Yvonne«, »Magdeleine« und »Marcel« betitelt sind. Duchamp zeichnete einzelne Noten auf Karten und steckte sie in einen Hut, aus dem dann er und seine Schwestern zogen, und überantwortete so die Komposition dem Zufall. Als Liedtext fungiert die Erklärung des in einem Wörterbuch zufällig aufgeschlagenen Wortes »imprimer« (drucken), dessen Silben die Anzahl der Noten festlegen. Die Folge der gezogenen Noten wurde in traditioneller Musikschrift notiert. Die Tonlagen in den Stücken der Schwestern sind teilweise im Bassschlüssel, jene von Marcel überwiegend im Violinschlüssel notiert, Tempi fehlen. Ob die drei Partien nacheinander oder als Trio zu singen sind, bleibt offen. Erratum musical wurde erstmals privat im Hause Duchamp in Rouen zu Neujahr 1913 vorgetragen und am 27. März 1920 von der dadaistischen Künstlerin Marguerite Buffet anlässlich der Veröffentlichung des Dada-Manifests in Paris öffentlich uraufgeführt.

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Zwei weitere Kompositionen sind Teil von Duchamps Erratum musical

La Mariée mise à nu par ses célibataires, même. Erratum musical (»Die Braut, von ihren Junggesellen entblößt, sogar«, 1912–1915)

Dieses Stück besteht aus zwei Teilen. Für die Niederschrift der Tonfolge verwendete Duchamp Zahlen und fügte erklärend hinzu, dass sie der Tastenanzahl eines Klaviers (in der Regel 88) entsprechen und links mit 1 beginnend klar festgelegt sind. Das Stück sei somit für Klavier, Orgel oder andere mechanische Instrumente gedacht.

Der erste Teil besteht aus acht in ihrer Reihenfolge austauschbaren Abschnitten (I–VIII), die noch einmal in 16 Perioden (A–Q) unterteilt sind. Die Kompositionstechnik wird im zweiten Teil erklärt: Eine Spielzeugeisenbahn mit mehreren offenen Waggons fährt unter einem Trichter durch, in dem sich nummerierte Bälle befinden, deren Nummern je einer Tonhöhe entsprechen. Bei jeder Fahrt, in unterschiedlicher Geschwindigkeit, fallen weniger oder mehr Bälle aus dem Trichter in die Waggons. Ist der Trichter leer, werden die Töne der einzelnen Waggons/Perioden für den jeweiligen Abschnitt (I–VIII) notiert.

Sculpture musicale, 1912–1920/1921

Das Stück ist nur als Ideenfragment auf einem kleinen Zettel notiert, den Duchamp in seinem Werk La Boîte verte (»Die grüne Schachtel«) – einer Zusammenstellung von Reproduktionen seiner wesentlichen Werke – veröffentlicht hat: »andauernde und von verschiedenen Punkten ausgehende Klänge, eine akustische Skulptur formend, die andauert.« Diese Notiz schenkt Duchamp in den 1960er-Jahren John Cage, der ebenfalls mit dem Zufall als Arbeitsweise mit offenem Ergebnis operiert und damit ein wesentlicher Vorläufer und Ideengeber der Fluxus-Bewegung der 1960er-Jahre ist. Cages bahnbrechende Music of Changes (1951) etwa variiert von Aufführung zu Aufführung.

Autor_in: Doris Leutgeb

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Autor_in:

Doris Leutgeb