Molto Brutto

gegründet 1980

Biografie

Fritz Grohs
geboren 1955 in Steyr; gestorben 2000 in Berlin

Andreas Kunzmann
geboren 1953 in Linz

Josef Danner
geboren 1955 in Amstetten

Gunter Damisch
geboren 1958 in Steyr; gestorben 2016 in Wien

Gerwald Rockenschaub
geboren 1952 in Linz

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Zu Beginn der 1980er-Jahre waren in der Wiener Kunst- und Musikszene die Uhren auf »Aufbruch« gestellt. Im studentischen Milieu zwischen Akademie der bildenden Künste, Hochschule für angewandte Kunst und Universität Wien hatte sich ein Kreativverbund herauszubilden begonnen, dem alsbald auch neue Malerkarrieren, punkig-wavige Musikprojekte sowie allerlei Cross-over-Unternehmungen dazwischen entspringen sollten. Eine dieser Unternehmungen war Molto Brutto, gegründet von einem Kollektiv aus angehenden Künstlern, Studenten und postuniversitären Freigeistern, die nach einem Outlet für ihre oft rabiaten beziehungsweise transgressiven Energien suchten.

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Im Mittelpunkt der Unternehmung stand Fritz Grohs, der zu der Zeit neben seiner Tätigkeit als studierter Jurist kantig-pointierte Sprachkunst unter dem Pseudonym Blihal praktizierte. Zusammen mit Andreas Kunzmann der in einer breiten Palette von Kunstsparten und später in mehreren Musikprojekten (Dumpf, Wirrh) aktiv war, den Malern Josef Danner und Gunter Damisch der an der Akademie studierte, fand man sich zu der Formation Molto Brutto zusammen. Der Name alleine signalisierte Wildheit, Tempo, Avantgarde – und Internationalität. Ergänzt wurde die Band schließlich von Gerwald Rockenschaub, der sich, damals noch Student an der Hochschule für angewandte Kunst, alsbald der Neo-Geo-Malerei zuwenden sollte.

Autor_in: Christian Höller

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Musik

Musik

Die 1980 gegründete Gruppe hatte einen ihrer ersten Proberäume im autonom verwalteten (1983 polizeilich geräumten) Jugendzentrum Gassergasse in Wien-Margareten. Dort trat man auch live auf, woraus erste Kassettenaufnahmen (Symphisch, 1981) hervorgingen. 1981 waren Molto Brutto auf dem Szenesampler Die tödliche Dosis (Lustgewinn Schallplatten) vertreten: Stücke wie »Geil«, »Leichen« oder »Surfing« (»Wir sind verloren … im Wattemeer«) ließen mit ihrem teils überdrehten Pressgesang (Grohs) und schrillen Orgeltönen (Kunzmann) bereits die Richtung erahnen, welche die noch im Wachsen begriffene Formation schließlich einschlagen sollte. Punkiger Dilettantismus, jazzinspirierter Freigeist, dazu Texte, die oft an der Kippe von dezidierter Befreiungsrhetorik und unverhohlenem Sexismus angesiedelt waren – all das machte die Besonderheit von Molto Brutto, mit Betonung auf »brutto«, aus.

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In der Galerie Pakesch fand 1982 im Rahmen der Gruppenausstellung Dort ist ein Fels, des hohe steile Klippe furchtbar hinabschaut in die jähe Tiefe der eigentliche Kunstszene-Kick-off der Band statt. Eine erste, titellose LP (Schallter, Ariola, 1982) sollte alsbald folgen: Darauf entfachen Grohs und Kunzmann gemeinsam mit Damisch (Bass), Danner (Schlagzeug) und Rockenschaub (Gitarre) ein wahres Ideenfeuerwerk ruppig-exaltierten Drauflosmusizierens. Stile und Stimmungen wechseln einander abrupt ab, die Dynamik der stets mit einer gehörigen Dosis Drama versehenen Stücke reicht von erdig-dahingrundelnd bis exzessiv-überdreht. »Die Fotografin Anna Blau / Ist eine wunderschöne Frau«, heißt es in einem der eingängigsten Stücke. »So ein Schieber« kommt am ehesten dem nahe, was man als Popmusik bezeichnen könnte. Und »Hotel Sahel« begibt sich auf eine imaginäre Reise in unbekannte, geisterhaft wirkende Territorien, exotistisches Flair mit eingeschlossen. Die wilden, piktogrammartigen Art-brut-Malkürzel auf dem Cover bilden kongenial den ungebremsten, in alle möglichen Terrains zugleich vorstoßenden Forschergestus der Gruppe ab.

Die Musik von Molto Brutto wurde zu ihrer Zeit eingestuft als »wagemutige Expedition ins musikalische Niemandsland, dorthin, wo Instrumente neue, entrückte Eigenklänge entwickeln und die Grenzen der Musik verwischen«.[1] Das »unberechenbare Unternehmen«[2] sollte 1987 noch eine zweite, ebenfalls titellose Platte (Golfdish Music, Ton um Ton records, 1988) aufnehmen, allerdings ohne den inzwischen ausgestiegenen Rockenschaub, der gleichwohl das minimalistische Cover beisteuerte (strahlenförmig auseinanderlaufende schwarze und magentafarbene Linien). Darauf finden sich erneut, dichter und mehrschichtiger produziert, »Reisen durch imaginäre Räume, durch wüstenartige Gegenden, in denen die Hitze die Luft zum Flirren bringt«.[3] Die zehn enthaltenen Stücke sind zugänglicher und teils poppiger als jene der ungleich bekannteren 1982er-LP; ein größerer Erfolg sollte sich damit jedoch nicht einstellen. Grohs und Kunzmann gründeten in der Folge die Duoformation Ganslinger, die bis in den 1990er-Jahre hinein existierte.


[1] Werner Geier, »Avantgarde – oder was?«, in: Günter Brödl (Hg.), Die guten Kräfte. Neue Rockmusik in Österreich, Wien 1982, S. 121.

[2] Ebd.

[3] Gunter Damisch, zitiert bei Thomas Mießgang, »Trips und Träume«, enthalten im Booklet zur CD Ballgasse 6 – Wiener Avantgarde der 80er, Wien Museum Edition, 2015.

Autor_in: Christian Höller

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Molto Brutto, Schallplatte, 1983, mit Gunther Damisch, Josef Danner, Blihal (Fritz Grohs), Andreas Kunzmann, Gerwald Rockenschaub