Nam June Paik

1932 geboren in Seoul; gestorben 2006 in Miami, Florida

Biografie

1950 flieht mit der Familie vor dem Koreakrieg nach Tokio

1953–1956 Studium der Musik-, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Tokio, Abschlussarbeit über Arnold Schönberg

1956–1957 Studium der Kunst-, Musikgeschichte und Philosophie an der Universität München

1957–1958 Kompositionsstudium bei Wolfgang Fortner in Freiburg

1957 erste Begegnung mit Karlheinz Stockhausen

1958 lernt bei den Darmstädter Ferienkursen John Cage kennen, von dessen Musikverständnis er tief beeindruckt ist

1958–1963 lebt in Köln, der damaligen »Welthauptstadt der neuen Musik«

1958 Beginn der Arbeit mit elektronischer Musik, in loser Verbindung mit dem Studio für elektronische Musik des WDR in Köln

1959–1962 Konzerte in der von Jean-Pierre Wilhelm geführtem Galerie 22 in Düsseldorf sowie im legendären Atelier von Mary Bauermeister in Köln

1962 lernt den Fluxus-Gründer George Maciunas kennen und nimmt seither an Fluxus-Events teil, zunächst in Europa, später in den USA

1963 Exposition of Music. Electronic Television, Galerie Parnass, Wuppertal, ist Paiks erste Einzelausstellung

1964 Übersiedlung nach New York, Beginn der Zusammenarbeit mit der Cellistin Charlotte Moorman

1965 kauft den ersten transportablen Videorekorder und beginnt, damit als Künstler zu arbeiten

1966 erste Multimonitorinstallation

1969/1970 Bau eines Videosynthesizers mit Shuya Abe

1977 Heirat mit der Videokünstlerin Shigeko Kubota

1979–1995 Professur an der Kunstakademie Düsseldorf

Bildende Kunst und Musik

Bildende Kunst und Musik

Musik und bildende Kunst sind über weite Strecken des Schaffens von Nam June Paik untrennbar miteinander verbunden.

1958 zieht er nach Köln, einem der damals progressivsten Zentren der bildnerischen wie musikalischen Avantgarde in Europa. Entscheidend wird 1958 seine Begegnung mit John Cage bei den Darmstädter Ferienkursen, dessen Vorträge über »Komposition als Prozess« er hört. Cages Verständnis von jeglicher bewusst empfundener Handlung als potenzieller Musik, seine Faszination für Zenbuddhismus, seine Arbeit mit präparierten Klavieren sowie der Einsatz aleatorischer Methoden beeindrucken ihn nachhaltig. Hommage à John Cage. Musik für Tonbänder und Klavier (1959) ist Paiks erste Komposition unter Einsatz von Zufallsprinzipien. (Cage hatte schon 1952 seine erste Tonbandkomposition geschrieben.) Es folgen weitere Werke der Aktions- und Antimusik, die eine radikale Erweiterung des Klangmaterials und des Musikbegriffs darstellen und dabei Kunstformen verpflichtet sind, die die bildende Kunst – meist in Überschreitung und Erweiterung der Malerei – entwickelt hat: Was von Paik sowie den Künstler_innen der Fluxus-Bewegung, der er sich 1962 anschließt, als Konzert verstanden wird, würde man heute als Aktion oder Happening bezeichnen.

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Paiks stets mit aktionistisch-performativen Elementen verknüpfte Musik umfasst den Einsatz neuester elektronischer Medien ebenso wie einfachste Materialien und simple Gesten. In One for Violin Solo (1961) etwa hebt der Interpret eine Geige langsam empor, um sie dann unter spezieller Lichtregie auf einem Tisch zu zertrümmern. Gleichzeitig »stellt« Paik Musik auch wie bildende Kunst »aus«. In seiner Exposition of Music. Electronic Television füllt er 1963 das gesamte Gründerzeithaus (in dessen Erdgeschoß sich die Galerie Parnass befindet) mit Objekten und Installationen, die von den Besucher_innen benutzt werden können, um Klänge und Geräusche zu erzeugen beziehungsweise das Wechselverhältnis von Sehen und Hören, Bild und Ton zu erfahren. In dieses Environment integriert er auch Fernsehapparate mit manipuliertem Bild. (wie bei Zen for TV) Diese stehen am Anfang seiner lebenslangen Beschäftigung mit elektronischen Medien. Schon ab Mitte der 1960er-Jahre verwendet er das damals neu aufgekommene Medium Video und schafft bis zu seinem Tod neben Videotapes, videointegrierenden Objekten sowie TV-Sendungen immer umfangreicher werdende (Multi-)Monitorinstallationen.

Im Bereich der Musik tritt Paik für den Einbezug des Sexuellen ein, das hier im Gegensatz zur bildenden Kunst seiner Meinung nach zu Unrecht bis dahin kaum eine Rolle gespielt hat. 1964 findet er in der Cellistin Charlotte Moorman eine künstlerische Partnerin, die bereit ist, im Rahmen seiner Aktionsmusik nackt aufzutreten. 1964 bis 1967 folgen Auftritte in Europa und Amerika, bei denen (angedeuteter) Sex, Striptease, Musizieren mit nacktem Körper, klassische Musik und Kompositionen von Nam June Paik verschmolzen werden. Nach einer Verurteilung wegen unsittlichen Verhaltens während eines Auftritts 1967 in New York »bekleidet« Paik Moorman mit elektronischen Geräten, darunter einem TV Bra.

Bereits 1962 sieht die Partitur von Young Penis Symphony (1962) vor, dass zehn junge Männer ihre Penisse nach und nach durch ein großes Stück Papier stecken, das quer über die Bühne gespannt ist. Für die Fluxus-Künstlerin Alison Knowles schreibt Paik die Serenade for Alison (1962), eine Art Antistriptease, bei der Knowles, einer bestimmten Choreografie folgend, nach und nach etliche übereinander angezogene Unterhosen auszieht und ins Publikum wirft.

Autor_in: Eva Badura-Triska / Susanne Neuburger

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Nam June Paik, New Television Workshop, Performance mit Charlotte Moorman, Nam June Paik, 1971, 5:11 min

Nach ihrer Verhaftung während der Aufführung der Opera Sextronique 1967 in New York trat Charlotte Moorman nie mehr ganz nackt auf. In TV Bra for Living Sculpture sind ihre Brüste mit einem von Paik entworfenen »TV-Büstenhalter« bedeckt, zwei kleinen, in Kunststoffgehäuse eingebauten Monitoren, in die Paik Liveaufnahmen des Publikums einspielt. Sie performt, bis sich Paik zwischen ihre Schenkel kniet, seinen Kopf zwischen ihre Brüste drückt, eine Cellosaite über seinen Rücken spannt und Moorman seinen Körper – wie schon in anderen Performances davor – als »human cello« benützt.

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Autor_in: Eva Badura-Triska / Susanne Neuburger

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Autor_in:

Eva Badura-Triska / Susanne Neuburger