Pas Paravant

aktiv in den 1980er-Jahren

Biografie

1980 formiert sich in einem Wohnzimmer in Wien-Floridsdorf eine zunächst namenlose, dreiköpfige Band: Karl Kowanz (Saxofon), Assistent für neue Medien an der Hochschule für angewandte Kunst, Renate Kocer (Schlagzeug), Absolventin der Grafikklasse von Oswald Oberhuber, und der einzige »echte« Musiker der Gruppe, Wolfgang Poor (Saxofon und Percussion), experimentieren eine Zeit lang mit offenen musikalischen Strukturen und nehmen dabei jede Menge Kassettenmaterial auf. Im Lauf der Zeit wächst das meist frei improvisierende Trio zu einem größeren Ensemble an, ergänzt um die Angewandte- und Akademie-Studenten ManfreDu Schu (Gesang), Günther Schrom (Bass), Wolfgang Stengl (Gitarre), Hans Weigand (Gitarre) sowie den neu dazugestoßenen Sänger und Gitarristen Felix Dorner. Schließlich ersinnt man für die von ausgesprochenem Kollektivgeist geprägte Unternehmung den Gruppennamen Pas Paravant, ein lautmalerisches Wortspiel mit der Idee, keine Trennwände (Paravents) akzeptieren zu wollen.

Bis dato existiert keine offizielle Kompilation der die gesamten 1980er-Jahre hindurch aktiven Formation. Abgesehen von frühen Kassettenproduktionen in Kleinstauflage, gibt es nur die von unterschiedlichen Teilformationen eingespielten LPs Brot und Spiel (1986) und Musik aus -Zwei Zimmer- (1988), aus denen sich der Sound der Gesamtformation nur bedingt erschließt.

Felix Dorner geboren 1958

Renate Kocer geboren 1954

Karl Kowanz geboren 1951

Wolfgang Poor geboren 1952

Günther Schrom

ManfreDu Schu geboren 1959 als Manfred Schus

Wolfgang Stengl geboren 1957

Hans Weigand geboren 1954

Bildende Kunst und Musik

Bildende Kunst und Musik

Das im Gruppennamen Pas Paravant programmatisch formulierte Anliegen, Trennwände/Paravents, also Grenzen, niederzureißen, bestimmt das bildnerische Schaffen der Mitglieder ebenso wie das musikalische Wirken der Band: Karl Kowanz ist ein Pionier der damals in Österreich noch nicht kanonisierten Video- und Computerkunst; Renate Kocer (später Kowanz-Kocer) arbeitet im Übergangsbereich von Performance, Film und Installation; Wolfgang Stengl und Hans Weigand operieren in unterschiedlicher Form mit einem erweiterten Skulpturenbegriff.

Dementsprechend sehen die Bandmitglieder keinen kategorischen Unterschied zwischen künstlerischen und musikalischen Formen und lassen auch innerhalb der Musik unterschiedliche Genres ineinanderfließen: Minimal Music, New Wave, Jazzimprovisation, freie Form, No Wave, alles versetzt mit einem Schuss Dada beziehungsweise ins Absurde gehender Onomatopoesie (sprachlicher Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen). Nur nach Rock- oder herkömmlicher Popmusik soll das Ganze so wenig wie möglich klingen.

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Der von den Mitgliedern praktizierten Kunst und Musik war zudem gemeinsam, dass sämtliche Hervorbringungen spannungsvoll zwischen kühler »Wavigkeit« und postminimalistischem »Groove« changieren. Ein von Hans Weigand zu der Zeit geschaffenes Objekt – ein auf ein Gerippe abgemagertes Klavier mit überlangen Füßen (1984) – bringt das Prinzip der Pas-Paravant-Musik auf den Punkt: ein reduziertes, leicht deformiertes Grundkonzept, in dem zwar klassische musikalische Spuren (das Klavier) erkennbar sind, darüber hinaus aber das Skeletthafte, Angedeutete und Minimalistisch-Morbide dominieren. So trifft man sich wöchentlich zu Aufnahmesessions im Floridsdorfer »Wohnzimmer« und schafft einmal mehr, einmal weniger harmonisch ausgefleischte, stets zackig rhythmisierte Klangskelette.

Autor_in: Christian Höller

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Pas Paravant

Konzert Töne und Gegentöne, Wiener Secession, 23. 5. 1983, mit

Karl Kowanz (as., ss., synth., voc.), Renate Kowanz-Kocer (dr., perc.), Wolfgang Poor (bass guit., perc.), Günther Schrom (bass guit., voc.), Wolfgang Stengel (voc., guit., synth., bass guit., perc.), ManfreDu Schu (Manfred Schus) (voc., synth.), Hans Weigand (guit., bass guit., voc.), 15.56 min

Film: Romana Scheffknecht und Tommy Schneider

Ein Konzertmitschnitt aus der Wiener Secession zeigt die Gruppe am Höhepunkt ihres dicht ineinandergreifenden Kollektivprozesses. Das Festival Töne und Gegentöne bietet im Mai 1983 in der Sektion »Heimvorteil« jungen, kantigen Wiener Gruppen ein Forum, das sie sonst nur in Galerien (etwa der Galerie nächst St. Stephan, wo Pas Paravant ebenfalls 1983 auftreten) oder an der Hochschule für angewandte Kunst hatten. Pas Paravant zeigen sich, erweitert um den kurz davor dazugestoßenen Sänger und Gitarristen Felix Dorner, an dem Abend in brillanter Form. Beim Soundcheck herrscht noch blasierte Kühle – die sich im Lauf des Konzerts zu schroffer, kompakter Eisigkeit steigert. Ein tribalistischer Beat bildet das Rückgrat, dazu die hartnäckig-filigranen Riffs der beiden Gitarristen, auf welche die beiden Saxofone ihre antihymnische Fanfarensignatur setzen. Die zwei Sänger ergehen sich – kongenial gekleidet in kragenlose Hemden und Bundfalten-Hosenträger-Montur – in lautmalerischem Dada-Gegrunze, das sich zumeist auf einzelne, endlos wiederholte Silben beschränkt. »Gutta Gutta«, »Hu« oder »Freedom Hopapa Io« sind Stücke der Gruppe passenderweise betitelt. Später bezeichnen die Musiker_innen ihren Stil einmal kurz und konzise als »Future Jazz«. Wobei ihr in keine Schublade passender Experimentiergestus, der bis in die frühen 1990er-Jahre anhält, nie mehr so intensiv zur Aufführung kommen soll wie bei diesem Auftritt.

Autor_in:

Christian Höller