Phill Niblock

geboren 1933 in Anderson, Indiana, USA; lebt in New York und Gent

Biografie

1956 Wirtschaftsstudium (BA) an der Indiana University

1956–1958 Labortechniker bei der US-Armee

1958 Umzug nach New York, wo er diverse Jobs annimmt

1968 erste Musikkomposition

Seit den 1960er-Jahren bis heute veranstaltet Niblock in seinem New Yorker Loft Konzerte sowie Intermedia-Performances

Seit 1985 Direktor der Experimental Intermedia Foundation, einer Stiftung für Avantgardemusik mit Basis in New York und einer Zweigstelle in Gent, Belgien

2014 erhält Niblock den John Cage Award

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Phill Niblock beginnt seine künstlerische Karriere als Fotograf und Filmer. Von früh weg musikbegeistert, zieht er 1958 nach New York, wo er zwischen 1961 und 1964 zunächst Jazzmusiker in Clubs und Aufnahmestudios porträtiert, darunter Duke Ellington, Charles Mingus und Billy Strayhorn. Seine Fotografien schaffen es sogar auf Cover von Jazzplatten.

Ab Mitte der 1960er-Jahre unterliegt seine Fotografie konzeptuellen Herangehensweisen. Systematisch beginnt er die soziale Transformation von New York anhand der sich ständig wandelnden Architektur und städtischen Struktur zu erforschen. Unter anderem dokumentiert er die Streetcorners in the South Bronx (1979), damals eine verlassene und verödete Gegend mit vielen eingestürzten Häusern. Jeweils von der Mitte von Straßenkreuzungen aus fotografiert er in alle vier Richtungen immer so, dass die Straßenschilder zu sehen sind. Bei ihrer Präsentation arrangiert er diese Fotos systematisch in einem Raster. Auch seine Fassadenfotografien derBuildings along SoHo Broadway (1988) sind eine sequenziell-serielle Kartografie der Stadt. Die Fotos wurden immer zur gleichen Tageszeit aufgenommen, nie mit direkter Sonneneinstrahlung, und Niblock stand dafür dicht an den Gebäuden und fotografierte steil nach oben.

1965 beginnt Niblock auch zu filmen und arbeitet hierbei zunächst mit den Tänzer_innen und Choreograf_innen des innovativen Judson Church Theatre, zu denen Elaine Summers, Yvonne Rainer, Meredith Monk, Tine Croll, Carolee Schneemann und Lucinda Childs zählen. Neben dokumentarischen Aufnahmen entstehen Filme, die im Rahmen der Tanzperformances projiziert werden.

Zwischen 1966 und 1969 entsteht Niblocks Serie der Six Films, kurze experimentelle 16-mm-Filme mit Ton, die Künstler_innen und Musiker_innen porträtieren, darunter den Musiker Max Neuhaus sowie den charismatische Sun Ra mit seinem Free-Jazz-Ensemble Arkestra, das für seine exzentrische Kostümierung bekannt war. The Magic Sun, der Film über Sun Ra, wurde zu einem Klassiker des experimentellen Undergroundfilms. Niblock überlagert hier Negativbilder der Musiker, die oft von so nah aufgenommen wurden, dass sie nicht zu erkennen sind und zu abstrakten Formen werden. 1969 projiziert Niblock diesen Film erstmals bei Konzerten Sun Ras hinter das Ensemble, ein Setting, das er später bei seinen eigenen Konzerten sowie mit seinen eigenen Filmen ebenfalls zur Anwendung bringt.

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Ab 1968 entstehen Multimedia-Arbeiten, wie Environments (1968–1971), in denen Film- und Diaprojektionen mit Livetanz und -musik verbunden werden, wobei die Filme, meist Naturaufnahmen, auf bis eine zu zehn Meter breite Leinwand projiziert werden.

Zwischen 1973 und 1991 schafft Niblock sein filmisches Hauptwerk The Movement of People Working. In diesen 18 Jahren nahm er in Peru, Kanada, Hongkong, Südafrika, Lesotho, Portugal, Brasilien, Ungarn, China, Japan und Sumatra und Rumänien ein enormes Volumen an filmischen Material zu elementaren menschlichen Arbeiten auf – am Bau, am Feld oder beim Fischen, meist unter körperlicher Anstrengung und oft mit einfachen Werkzeugen. Es sind überwiegend Szenen, die Menschen in ländlichen und oft ärmlichen, nichtindustrialisierten Gesellschaften bei manuellen Arbeiten zeigen, die sich wiederholende Bewegungen verlangen. Diese werden von Niblock ins Zentrum gerückt, während die jeweiligen Gesichter bewusst außerhalb des Bildrahmens bleiben, oder überwiegend so gefilmt sind, dass die Anonymität gewahrt bleibt. Die über eine lange Dauer gleichbleibende Kameraeinstellung soll Anfang und Ende vergessen lassen und letztlich überhaupt das Zeitgefühl ausschalten, und Niblock verzichtet auch auf jeglichen Schnitt oder Montage.

Seit 1973 präsentiert Niblock solche Filmaufnahmen während seiner eigenen Konzerte auf großformatigen Leinwänden. Die von sich wiederholenden Bewegungen geprägte menschliche Arbeit setzt er in Relation zu seiner Drone-Musik, die durch ihre lang gezogenen Töne das Zeitgefühl ausschaltet. Zeit ist ein wesentliches Arbeitsmaterial in Niblocks Werken.

Autor_in: Daniela Hahn

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Musik

Musik

Bis auf etwas Klavierunterricht erhielt Niblock keine formale musikalische Ausbildung, jedoch wurde in seinem Elternhaus in Indiana viel musiziert. Sein Großvater spielte Livemusik für Stummfilme und sein Vater »amateurhaftes Cocktailpiano«. Als 14-Jähriger entwickelt er eine bis heute bestehende Leidenschaft für Jazz und legt den Grundstein seiner mittlerweile riesigen Plattensammlung.

Schon früh interessiert sich Niblock für die neuesten Entwicklungen in der Technologie. 1953 baut er sein erstes Lautsprechersystem und investiert sofort in ein Tonbandgerät, als diese musiktechnische Neuerung im selben Jahr auf den Markt kommt. Er überspielte darauf Schallplatten, um während seiner Zeit als Labortechniker bei der US-Armee von 1956 bis 1958 alte Jazzplatten hören zu können. Nach seiner Übersiedlung nach New York (1958) besucht er Klassikkonzerte ebenso wie die legendären Jazzclubs, in denen er bald auch fotografiert. Als er 1961 erstmals Morton Feldmans Durations-Stücke (1960/1961) hört, wird dies zu einem Erweckungserlebnis: »Das war das erste Mal, dass ich gehört habe, was mit langen Tönen wirklich gemacht werden kann. Es war, als ob es mir erlaubt hätte, meine eigene Musik zu machen.« Dennoch beginnt er erst 1968 – in Zusammenhang mit den ab diesem Jahr entstehenden Multimedia-Arbeiten – Musik zu machen, wobei er sich ausdrücklich als Komponist und nicht als Musiker versteht.

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Von Anfang an entwickelt er eine Methode, die er bis heute verfolgt und 1974 mit dem Stück 3 to 7 – 196 zu einer ersten Kulmination gebracht hat: Auf einem klassischen Instrument wird jeweils eine vom Künstler festgelegte Tonfolge gespielt und aufgenommen, und dann werden mehrere solcher Tonspuren übereinandergelegt. Dabei kommt es zur Überlagerung der meist lange gehaltenen Töne mit Tönen, die sich oft nur um wenige Frequenzen voneinander unterscheiden. Daraus ergeben sich Wechselwirkungen, die im Voraus kaum bestimmbar sind. Ein Obertonmuster entwickelt sich, das Niblock interessiert und das er bei seinen Konzerten noch mehr zum Klingen bringen will. Deswegen muss seine Musik sehr laut gespielt werden, denn erst bei einem hohen Soundvolumen sind die Obertöne gut hörbar. Bei diesem Verfahren ergeben sich auch Verzerrungen und Klangdeformationen, wenngleich Niblock nicht bewusst mit Dissonanzen arbeitet und diese auch nicht das eigentliche Ziel seiner Kompositionen sind.

Solche Tonaufnahmen bilden die Grundlage von Niblocks Konzerten. Mit ihnen baut er Soundwolken auf, zu denen dann noch ein_e bis drei Musiker_innen live Saxofon, Gitarre oder Streichinstrumente spielen. Diesen macht Niblock keine Vorgaben, sie können eigenständig auf dessen Drones eingehen und entscheiden erst in der Performancesituation, was sie spielen. Niblock hat auch Konzerte ausschließlich mit Livemusiker_innen veranstaltet, wobei seine Orchester bis zu 110 Musiker_innen umfassten.

Wie seine Musik schlussendlich klingt, hängt vom Setting ab, also dem Konzertort, denn die gesamte Umgebung wird zum Resonanzkörper und damit Teil der jeweils spezifischen akustischen Identität einer Performance. Niblock spielt in Konzertsälen, Kirchen und Museen, wobei ihm Kirchen aufgrund ihrer meist sehr speziellen Akustik am liebsten sind. Während seiner Konzerte projiziert Niblock seine Filme aus The Movement of People Working auf großformatige Leinwände.

Im Gegensatz zu Künstlern wie La Monte Young und Tony Conrad, die schon ab den frühen 1960er-Jahren mit lang gehaltenen Tönen und deren Obertönen experimentieren und deren Einfluss er auch anerkennt, verwendet Niblock die Mathematik nicht als Grundlage seiner Musik. Er besteht auch nicht wie Tony Conrad auf reiner Stimmung. Vielmehr fußt sein Vorgehen auf Intuition und Experiment: »I know that it’s going to sound a certain way, but I never know exactly what’s going to happen.« (»Ich weiß, dass es auf eine bestimmte Art klingen wird, aber ich weiß nie genau, was passieren wird.«)

Seit 1985 leitet Niblock die Experimental Intermedia Foundation, eine Stiftung für Avantgardemusik, die 1968 mit Sitz in New York von Elaine Summers und Niblock gegründet wurde und eine Zweigstelle in Gent hat. Neben zahlreichen Musikveranstaltungen organisiert er im Rahmen dieser Stiftung seit 1998 auch das Musiklabel XI Records, das bereits unzähligen Musiker_innen geholfen hat, ihre Werke zu veröffentlichen.

Autor_in: Daniela Hahn

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Phill Niblock

Centre Pompidou Paris, 29. 11. 2014, mit Phill Niblock (comp.), Kasper T. Toeplitz (electric bass, cello), Deborah Walker (cello) und Filmen von Phill Niblock »The Movement of People Working«, 9:15 min

Film: Gilles Paté, Courtesy: Captures Production

Autor_in:

Daniela Hahn