The Red Crayola mit Art & Language

ab 1973 aktiv

Biografie

Die Band The Red Crayola (später Red Krayola, heute The Red Krayola) wurde 1966 von den Kunststudenten Mayo Thompson (geboren 1944 in Houston, Texas), Frederick Barthelme und Steve Cunningham in Houston, Texas, gegründet. Mit ihrer ersten LP The Parable of Arable Land (1967) schufen sie einen Meilenstein des Psychedelic Rock, dem gleichwohl der größere kommerzielle Erfolg versagt blieb. 1968 trennte sich die Gruppe, nachdem auch ihre zweite Platte keine besseren Verkaufszahlen erzielen konnte.

Mayo Thompson ging in der Folge nach New York, wo er unter anderem als Studioassistent von Robert Rauschenberg arbeitete. 1973 kam er mit der Künstlergruppe Art & Language in Kontakt und wurde Mitglied ihres New Yorker Ablegers. Nach der Übersiedlung nach London reaktivierte Thompson The Red Krayola und begann, zum Teil gemeinsam mit Art & Language, erneut Platten zu veröffentlichen. Zu Beginn der 1980er-Jahre wurde er Mitglied der Postpunkband Pere Ubu, daneben war er zu der Zeit vielfach auch als Produzent tätig. In den 1980er-Jahren verlegte Thompson seinen Wohnsitz nach Deutschland (wo er unter anderem mit Conny Plank und Dieter Moebius und später mit Albert Oehlen, Werner Büttner und Rüdiger Carl zusammenspielte), bevor er in den 1990er-Jahren wieder in die USA übersiedelte und eine Professur am Art Center College of Design in Pasadena annahm. Die Zusammenarbeit mit Art & Language wurde ab 2007 mit weiteren Plattenveröffentlichungen fortgesetzt.



Die Künstlergruppe Art & Language wurde 1968 von Terry Atkinson (geboren 1939 in Thurnscoe, Yorkshire, UK) und Michael Baldwin (geboren 1945 in Chipping Norton, Yorkshire, UK) in Coventry gegründet und besteht seither in wechselnder Zusammensetzung (darunter David Bainbridge, Ian Burn, Sarah Charlesworth, Michael Corris, Roger Cutforth, Charles Harrison, Preston Heller, Graham Howard, Harold Hurrell, Joseph Kossuth, Andrew Menard, Philip Pilkington, Mel Ramsden, David Rushton und Terry Smith).

Bildende Kunst

Bildende Kunst

In ihren überwiegend sprachlich-analytischen Arbeiten streben Art & Language eine grundlegende Kritik des auf materiellen Objekten basierenden bürgerlichen Kunstbetriebs an. Neben einer Reihe von konzeptuell-installativen Arbeiten hat das Kollektiv im Lauf der Zeit diese Kritik vermehrt auch in Form von Bildern umzusetzen versucht. 1969 gründeten sie die Zeitschrift Art-Language, 1975/1976 erschienen drei Ausgaben des von ihrem US-amerikanischen Ableger herausgegebenen Magazins The Fox.

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Autor_in: Christian Höller

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Musik

Musik

1973 kam es in London zum ersten Zusammentreffen zwischen Michael Baldwin, Mitglied der Konzeptkunstgruppe Art & Language, und dem US-amerikanischen Musiker Mayo Thompson, einem versierten Kenner unterschiedlicher Rockidiome. Aus der Begegnung resultierte das – nicht unkokette – Ansinnen, politische Pamphlete und Theorietexte zu Rockmusik vorzutragen. In mehrjähriger Arbeit entstand so die LP Corrected Slogans, die 1976 unter dem Gruppennamen »Music-Language« im Eigenverlag erschien. Ein Teil der Aufnahmen fand in den USA statt, wo ein Ableger von Art & Language rund um die Künstler Joseph Kosuth (geboren 1945) und Mel Ramsden (1944 in Großbritannien geboren, in die USA ausgewandert) aktiv war. Songtitel wie »The Mistakes of Trotsky … Thesmophoriazusae«, »Don’t Talk to Sociologists …« oder »Penny Capitalists« brachten die politisch-theoretische Ausrichtung des Projekts, großteils auf unkonventionellen Folksongskizzen beruhend, auf den Punkt.

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Autor_in: Christian Höller

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

The Red Krayola with Art & Language, Nine Gross and Conspicuous Errors / Neun grobe und offensichtliche Fehler, 1976, mit Kathryn Bigelow (voc.), Ian Burn (voc.), Jesse Chamberlain (perc.), Christine Kozlov (voc.), Nigel Lendon (voc.), Mel Ramsden (voc.), Paula Ramsden (voc.), Terry Smith (voc.), Mayo Thompson (guit., keyboard, accordeon), 24:00 min

Film: Art & Language, Courtesy: Lisson Gallery, London

Das Video, ursprünglich für didaktische Zwecke, etwa den Unterricht für Kunststudierende gedacht, entstand in New York während der Aufnahmen für die LP Corrected Slogans. Es war seinem Titel gemäß absichtlich schlecht produziert, dementsprechend auch die für heutige Verhältnisse stark defiziente Bild- und Tonqualität. Thema war, in durchaus selbstkritischer beziehungsweise selbstironischer Manier, die in zahlreichen Selbstanalysen der Gruppe zutage geförderte Inkompetenz in politischen Dingen. Wie der Titel suggeriert, sollte dies auf augenscheinlich fehlerhafte Weise wiedergeben werden.

Die neun in dem Video enthaltenen Stücke sind von Thompson (Gitarre, Keyboards, Akkordeon) und Jesse Chamberlain (Schlagzeug) instrumentiert. Einen Großteil der Texte verfasste Mel Ramsden eigens für diesen Anlass. Dargeboten werden die theorielastigen und teils schwer zu singenden Lyrics von Art-&-Language-Mitgliedern in unterschiedlichen Konstellationen, unter ihnen Ramsden selber, die Künstler Ian Burn und Nigel Lendon, der Kunsthistoriker Terry Smith, die Künstlerinnen Christine Kozlov und Paula Ramsden sowie die spätere Filmemacherin Kathryn Bigelow.

Die einzelnen Performances beginnen vielfach mit der Ansage »It is a G and CE« (»Es ist ein grober und offensichtlicher Fehler«), um dann lakonisch-distanzierte oder affirmativ-euphorisch wirkende Rezitationen vom Blatt folgen zu lassen.

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An einer Stelle intoniert ein Frauentrio, bestehend aus Bigelow, Kozlov und Paula Ramsden, zu Thompsons minimal-elegischem Akkordeonspiel sinngemäß: »Es ist ein grober und offensichtlicher Fehler (‚a G and CE‘), Sprache als klassenloses Mittel der Kommunikation anzusehen – die Sprache gehört den Managern.« Darauf folgt das zur damaligen Zeit gängige Credo der Verdinglichung des Menschen: »Our individual particularity gets transfixed into a reified mind or self.« Und am Ende stimmen alle drei im Chor ein: »Non-sensuous interpretation insidiously transforms us all into tourists … contemplators of a world not of our own making.« Wir sind alle bloß Zuschauer_innen, Tourist_innen in einer Welt, die nicht wir selber geschaffen haben. Später trägt Ian Burn in dem Video den gleichen Text noch einmal mit völlig anderem Timbre und anderer visueller Anmutung vor (er sieht dabei aus wie eine Kopie der Hauptfigur in Martin Scorseses Film Taxi Driver).

Aus dem Jahr 1976 existiert noch ein weiteres Filmdokument der Zusammenarbeit von Art & Language und The Red Crayola – der knapp zehnminütige Schlussteil des Films Struggle in New York, gedreht von dem serbischen Regisseurs Zoran Popović. Zu dem Zeitpunkt hatte sich die US-Fraktion der Konzeptkunstgruppe unwiderruflich gespalten, nachdem die Widersprüche zwischen der eher sozial und der eher künstlerisch orientierten Fraktion nicht mehr zu kitten gewesen waren. Bevor der verbleibende Rest der Gruppe nach England übersiedelte, kam es im November 1976 zu einem letzten Auftritt in privatem Rahmen, den Popović in seinem Film festhielt und dem man in Anlehnung an Monty Python den Titel »And Now for Something Completely Different« gab.

In England sollte die Kooperation zwischen Art & Language und The Red Crayola neuen Anlauf nehmen – und mit Unterbrechungen bis heute andauern.

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Autor_in:

Christian Höller