Selten gehörte Musik

1973–1979

Kunst und Musik

Kunst und Musik

»Selten gehörte Musik« ist ein Gemeinschaftsprojekt von Künstlern der Wiener Gruppe, des Wiener Aktionismus und deren Freundeskreis, die sich in den frühen 1970er-Jahren in Berlin wieder zusammenfanden, nachdem sie – teilweise nach Skandalen ihrer Kunst – Wien jeweils mehr oder weniger freiwillig verlassen hatten.

Gerhard Rühm hatte schon 1964 dem unaufgeschlossen konservativen (»miefigen«) Wien den Rücken gekehrt und war nach Berlin übersiedelt. Günter Brus war Anfang 1969 dorthin geflohen, um sich den polizeilichen Maßnahmen nach seiner Verurteilung im Gefolge der legendären Aktion Kunst und Revolution (1968) zu entziehen. H. C. Artmann und Oswald Wiener waren ebenfalls nach Berlin übersiedelt, Dieter Roth war häufiger Gast.

Dieser Freundeskreis setzte viele gemeinsame künstlerische Aktivitäten. Etwa hat Brus in Berlin 1969 die Zeitschrift Die Schastrommel gegründet. Ironisch als »Organ der österreichischen Exilregierung« betitelt, sollte sie ihm und seinen Künstlerkollegen ein Forum für die Publikation ihres Schaffens bieten.

Auch traf man sich zu gemeinsamer literarischer Arbeit (»Berliner Dichterworkshops«). In diesem Rahmen stellte man am 12. und 13. Juli 1973 erstmals Musik thematisch in den Vordergrund, worunter man auch stimmliche Artikulationen wie Gesang, Lachen, Pfeifen und anderes verstand. Daraus entwickelte sich das Projekt der »Selten gehörten Musik« als spontane Form des Zusammenspiels bewusst ohne Stil. Zunächst bloß auf Tonband festgehalten, entschloss man sich 1974 zu öffentlichen Auftritten.

Auf ein erstes Konzert im Münchner Lenbachhaus im Mai 1974 (mit Bus, Nitsch, Roth, Rühm und Wiener) folgte im September dieses Jahres ein weiteres in der Kirche zum Heiligen Kreuz in Berlin-Kreuzberg, bei dem auch Christian Ludwig Attersee, Dominik Steiger und Arnulf Rainer mitwirkten. Rainers Beitrag bestand in Körperposen, die er zur Musik seiner Freunde machte. Zwei Tage später musizierte man anlässlich einer Attersee-Ausstellung im Kasseler Kunstverein, wobei hier Ingrid Schuppan anstelle des erkrankten Wiener mitspielte.

»Selten gehörte Musik« kann als eines der ersten Beispiele eines bewussten musikalischen Dilettierens bildender Künstler_innen gesehen werden, welches in den 1980er-Jahren in Bands bildender Künstler_innen sehr oft programmatisch gepflegt wurde. Im Fall der »Selten gehörten Musik« waren die musikalischen Voraussetzungen der Protagonisten sehr unterschiedlich. Rühm war ausgebildeter Konzertpianist und hatte auch Komposition studiert. Wiener war Jazztrompeter und auch Attersee schon lange musikalisch in herausragender Weise aktiv. In Nitschs Schaffen spielte Musik zeitlebens eine wesentliche Rolle, nur Brus und Roth waren als ausübende Musiker Amateure, wenngleich mit großem Fachwissen.

In der Ausstellung

In der Ausstellung

Selten gehörte Musik

Lenbachhaus München, Mai 1974, 1:57:28 h, mit Günter Brus, Hermann Nitsch, Dieter Roth, Gerhard Rühm, Oswald Wiener


Unheilvoll dräuende Akkordeon- und Tuba-Klänge, dazu eine mehr schlecht als recht malträtierte Geige, schließlich spitz in die zerklüftete Hörlandschaft gesetzte Pizzicati. So hebt das Konzert von Selten gehörte Musik 1974 im Münchner Lenbachhaus an. Knapp zwei Stunden ging die fünfköpfige Besetzung an dem Tag zu Werke, spontan und freigeistig miteinander kommunizierend, aufeinander reagierend, sich singulär absetzend, um und anschließend wieder in den gemeinsamen heterogenen Klangverbund zurückzukehren. In immer neuen Anläufen, mit neu ins Spiel kommenden Instrumenten (Flöte, Orgel, Saxofon sowie ein Megaphon), deren Einsatz das Publikum wiederholt zum Lachen bringt – so bauen die fünf Proto-Dilettanten einen Spannungsbogen auf, dessen kollektive Machart einem dynamischen Multi-Konstrukt Ausdruck verleiht. Wobei auch Fluxus-hafte, ins rabiat Atonale neigende Lärmeinsprengsel ihren Platz haben, bevor der Improvisationsstrom wieder in getrageneres, ebenmäßigeres Fahrwasser zurückgleitet. Insistierende Klimpertöne brechen den Fluss, noch beharrlichere Becken-Schläge fügen ihn wieder zusammen. Und so ebbt und flutet es dahin an diesem ausgelassenen Abend im strengen White-Cube-Ambiente, den die Fotografin Karin Mack in kontrastreichen Schwarzweißbildern festgehalten hat. Am Ende liefert man sich brüsk-humorige Conférencen mit einem agitierten Publikum, das dankbar seine Rolle in diesem paramusikalischen Aktionstheater annimmt.

...mehr/Abbildungen

...weniger