Throbbing Gristle

1975–1981; Wiedervereinigung 2004–2012

Biografie

1975 Gründung der Band, hervorgegangen aus beziehungsweise einige Jahre parallel existierend zu der Performancegruppe COUM Transmissions; erste Auftritte unter dem Namen Throbbing Gristle (»pochender Knorpel«)
ab Juli 1976 Gründung des Labels Industrial Records und Aufnahmesessions im gruppeneigenen Studio in Hackney, London (genannt Death Factory); Plattenveröffentlichungen und Liveauftritte bis 1981 vorläufig letztes Konzert im Mai 1981 in San Francisco

2004–2012
Wiedervereinigung der Gruppe 2004
bis 2010 Liveauftritte in Europa und den USA; neue Plattenaufnahmen und Veröffentlichungen; nach dem Ausstieg von Genesis P-Orridge und vor dem Tod von Peter »Sleazy« Christopherson 2010 unter dem Namen X-TG aktiv (letzte X-TG-Alben: Desertshore / The Final Report, Faet Narok, 2012)

Bandmitglieder

Genesis P-Orridge

geboren 1950 als Neil Andrew Megson in Manchester, UK
seit 2002: Genesis Breyer P-Orridge

Cosey Fanni Tutti

geboren 1951 als Christine Carol Newby in Hull, UK

Chris Carter

geboren 1953 in London, UK

Peter Christopherson

geboren 1955 in Leeds, UK; gestorben 2010 in Bangkok, Thailand

Mitglied des Designstudios Hipgnosis (und später von Greenback Films), gemeinsam mit Storm Thorgerson und Aubrey Powell (Hipgnosis gestaltete in den 1970er- und 1980er-Jahren einige der berühmtesten LP-Covers der Popgeschichte)

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Die Vorgängergruppe von Throbbing Gristle namens COUM Transmissions wird 1969 in der englischen Stadt Hull von den Künstler_innen Genesis P-Orridge (Neil Megson) und John Shapeero als Performancekollektiv gegründet, das in wechselnder Besetzung bis 1978 existiert. Ursprünglich geprägt von Fluxus, Aktionismus und Happening, verknüpft die Gruppe, alsbald erweitert um Cosey Fanni Tutti (Christine Newby) sowie teils fluktuierende Mitglieder, in ihren Aktionen radikales Improvisationsspiel mit Akten sexueller Entgrenzung bis hin zu dezidierter Pornografie. Anfänglich auch in der internationalen Mail-Art-Szene aktiv, verlagert die Gruppe alsbald ihren Schwerpunkt hin zu ausufernden theatralischen Bühnenperformances, die häufig Nacktheit und gegen konventionelle Normen verstoßende sexuelle Handlungen inkludieren. Diese Aktionen, mit Titeln wie Marcel Duchamp’s Next Work, Couming of Age oder Couming of Youth, beinhalten häufig auch paramusikalische Ebenen von zumeist anarchischer Natur, wobei jedes Mittel der Klangerzeugung legitim scheint. Landesweite Berühmtheit erlangt das Kollektiv 1976 mit der Ausstellung Prostitution am Londoner ICA, in der unter anderem eine Reihe von Fotoarbeiten gezeigt wird, die Cosey Fanni Tutti für Sexmagazine produziert hat. (Cosey Fanni Tutti tritt in den 1970er-Jahren auch in Pornofilmen auf und posiert in der Undergroundfotoszene häufig für Nacktaufnahmen.)

Musik

Musik

1975, noch während der aktiven Zeit von COUM Transmissions, wozu ab 1974 auch der Grafikdesigner und Fotograf Peter »Sleazy« Christopherson zählt, tut sich die Gruppe mit dem Electronic-Musiker Chris Carter zusammen. Zu viert entwickelt man unter dem Bandnamen Throbbing Gristle (wörtlich »pochender Knorpel«, ein Slangausdruck für »erigierter Penis«) einen konfrontativen, auf harschen Maschinenklängen und dräuenden Noise-Schwaden basierenden Musikstil, für den alsbald die Bezeichnung Industrial Music ersonnen wird. »Music from the Death Factory« lautet ein weiterer Branding-Begriff der Gruppe, womit auf subjektive Extremerfahrungen sowie auf die abgrundtiefen Katastrophen des 20. Jahrhunderts Bezug genommen wird. Diese sollen ebenso suggestiver Bestandteil ihrer aggressiven Wall-of-Sound-Attacken sein wie Darstellungen von sexueller Gewalt (bei ihren frühen Livekonzerten zeigen sie häufig den transgressiven Experimentalfilm After Cease to Exist von COUM Transmissions). Nach vier Alben und einer Reihe von Singles – Zyklon B Zombie (1978) bis hin zu Discipline (1981) – bricht die Band, auch aufgrund interner Zwistigkeiten, 1981 auseinander. 2004 wird das Projekt wiederbelebt, es entstehen neue Platten, und die Gruppe festigt in zahlreichen Konzerten ihren Status als Pionier_innen der Industrial Music, bis 2010 der endgültige Bruch erfolgt.

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Autor_in: Christian Höller

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Throbbing Gristle

Live at Oundle School, 1980, mit Chris Carter, Cosey Fanni Tutti, Peter Christopherson, Genesis P-Orridge, 59:55 min

Film: Stan Bingo (Daniel Landin), Peter Christopherson, Courtesy: Industrial Records; Mute; Cabinet Gallery, London

Throbbing Gristle, Band


Am 16. März 1980 machen Throbbing Gristle auf ihrer Konzerttournee in der Kleinstadt Oundle in der englischen Grafschaft Northamptonshire halt. Ein Musiklehrer der dortigen Public School, dem die Gruppe als mit John Cage verwandt empfohlen wurde, hat sie engagiert, vor den 8- bis 16-jährigen Internatsschülern aufzutreten. Zunächst beginnt alles sehr geordnet, Cosey Fanni Tuttis Kornettfanfaren und verhaltene Ambientschwaden lassen noch nicht allzu Schlimmes ahnen. Doch langsam intensiviert sich der Sound – und so auch die besungenen und vertonten Materien: »Subhuman«, »Something Came over Me«, »The World Is a War Film« – bis hin zum exzessiven Ausagieren der TG-typischen »Wall of Sound«. Zwischendurch stimmt bei »England Is a Toilet« der Knabenchor der Schule mit ein – viel hätte nicht gefehlt, und in der Schule wäre an dem Tag noch das Dach weggeflogen. In etwa so hat sich die Gruppe ein echtes »Couming of Youth« von jeher vorgestellt, nur dass zu Zeiten von COUM Transmissions die adäquaten musikalischen Mittel dazu fehlten.

Autor_in:

Christian Höller