Tony Conrad

geboren 1940 in Concord, New Hampshire; gestorben 2016 in Cheektowaga, New York

Biografie

Bis 1962 Studium der Mathematik an der Harvard University

Mitte der 1960er-Jahre Beitritt zum Theatre of Eternal Music (auch: The Dream Syndicate, 1963–1965) und Bekanntschaft mit La Monte Young, Angus MacLise, John Cale, Marian Zazeela und anderen, die mit Minimal Music experimentieren und daraus die spezielle Form der Drone-Music entwickeln

Lehrtätigkeiten: College in Antioch, Ohio; Center for Media Studies an der State University of New York in Buffalo, wo er 1976 ein interaktives Fernsehprojekt kreiert, das Kinder bei ihren Hausaufgaben unterstützt, und – lange vor dem Internet als kollektiver Kommunikationsform – Community-Diskussionen einführt

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Conrad beginnt in den 1960er-Jahren als experimenteller Filmemacher. In The Flicker, einem Meilenstein des strukturalistischen Films, aber auch einem Meisterwerk der Op-Art, operiert er ausschließlich mit den filmischen Grundelementen Licht und Dunkel, mit denen er stroboskopische Effekte erzeugt. Diese extremen Flimmereffekte führen zu Irritationen des Auges und können mitunter epileptische Anfälle auslösen, wovor im Vorspann des Filmes gewarnt wird.

Auch in seiner Serie der Yellow Movies beschäftigt er sich (ab den 1970er-Jahren) analytisch mit Grundbedingungen des Films. Hier allerdings geht es nicht um die Überforderung des Auges durch zu viele, zu schnell auf dieses einprasselnde Reize, sondern um das Gegenteil: Er thematisiert die farbliche Veränderung von monochrom weiß gestrichenen Flächen (in der Größe von Amateurleinwänden) durch die Einwirkung von Licht. Dieser Prozess ist kaum wahrnehmbar, lediglich seine Langzeitresultate.

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Conrads erster Film The Flicker (Premiere: 1966) hat keine Handlung. Der Künstler manipuliert das Filmmaterial zu reiner Gegenstandslosigkeit. Die Apparatur spult unterschiedlich lange Intervalle von schwarzen Filmkadern ab, die in einer Frequenz von vier bis 24 Bildern pro Sekunde während einer Dauer von 30 Minuten durch weiße Kader unterbrochen werden. Das Auge nimmt das als stroboskopartig aufblitzende Lichteffekte wahr. Diese extremen Flimmereffekte mit ihrer psychedelischen, auch hypnotischen Wirkung kennt Tony Conrad aus seiner Auseinandersetzung mit der Physiologie des Nervenzentrums. Sein Film liefert den Sinnen keine optischen Bilder, sondern stimuliert physiologische Prozesse, indem er direkt neuronale Reaktionen auslöst. Es ist nicht das Auge, das vorgefertigte Bilder wahrnimmt, sondern das Gehirn erzeugt (sich) diese selbst. Die rhythmisch flimmernden Lichteffekte lösen bei den Betrachter_innen individuelle Reaktionen aus, etwa Ausformungen von Farb-, verlangsamtes Form- und Nachbildsehen.

Conrads Serie der Yellow Movies besteht aus großformatigen Papieren, die innerhalb eines schwarzen, gemalten Rahmens mit weißer Farbe gestrichen werden – wie überdimensionale Filmkader in der Größe von Projektionsleinwänden für Amateurfilmer. »Der Film« ohne Kamera, Projektor und Leinwand beginnt, sobald die Papiere fertig bemalt sind und der natürliche Alterungsprozess einsetzt, weil die Farbe als Resultat der Lichteinwirkung in Wechselwirkung mit dem Papierträger vergilbt. »The Yellow Movies were a solution to the problem of how to produce films that could run for a lifetime.« (Conrad)

Im Gegensatz zur Schnelligkeit der aufblitzenden Filmkader und optischen Überforderung der Betrachter_innen in The Flicker gehorchen die Yellow Movies dem genau gegenteiligen Prinzip: Die extreme Verlangsamung des optischen Effekts bewirkt eine Unterforderung der Betrachter_innen. Für die Dauer einer Ausstellung und die noch kürzere einer Betrachtung ist es unmöglich, eine Veränderung zu erkennen. In der Musik führt Tony Conrad zeitliche Dehnung als überbordende akustische Herausforderung zur Kulmination.

Autor_in: Doris Leutgeb

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Musik

Musik

Tony Conrad, der selbst Violine spielt, gehört zu den Pionier_innen der Minimal wie auch der Drone-Music.

1962 geht er nach New York, wo er auf Gleichgesinnte trifft, mit denen er stundenlang minimal variierte Klangeinheiten und einzelne Intervalle probt. Mitte der 1960er-Jahre wird er Mitglied im Theatre of Eternal Music (auch: The Dream Syndicate, 1963–1965) und lernt unter anderen John Cale, Angus MacLise, Terry Riley, La Monte Young, Marian Zazeela, Billy Name, Jon Hassell und Alex Dea kennen. Sie experimentieren mit Begleittönen und entwickeln daraus eine spezielle Form der Minimal Music, die Drone-Music. Bei dieser werden Töne, meist aus dem tiefen Frequenzbereich, sehr lange durchgängig gehalten und Begleittöne vermehrt zum Klingen gebracht.

In seiner Musik besteht Conrad auf »just intonation« (reiner Stimmung). Diese steht im Gegensatz zur europäischen Tradition der wohltemperierten Stimmung, bei der auf einem Instrument mehrere Tonarten gespielt werden können. Das bedeutet allerdings, dass die Abstände zwischen den einzelnen Tönen einer Tonleiter nicht exakt gleich sein können, sondern leicht herauf- oder herabgesetzt werden. Bei der reinen Stimmung hingegen sind die Abstände zwischen den Tönen in Bezug auf einen Grundton präzise, jedoch nicht mehr auf andere Grundtöne übertragbar. Daher muss jeweils für ein Instrument beziehungsweise eine Aufführung ein bestimmter Grundton festgelegt werden und kann nur durch erneutes Stimmen geändert werden. Dieses Insistieren auf einer Gleichwertigkeit aller Töne wie auch die Zurückweisung von traditionellen Kompositionsprinzipien, die mit führenden und untergeordneten Elementen operieren, ist auch Ausdruck von Conrads zutiefst politischer Lebenshaltung, die Hierarchien grundsätzlich ablehnt: »Ich wollte die Komposition abschaffen. Mich davon freimachen.«

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Kurze Zeit spielt Conrad mit Lou Reed und John Cale sowie mit Walter De Maria am Schlagzeug in der Studioband The Primitives, in der alle Gitarren- und Basssaiten auf einen einzigen gemeinsamen Ton gestimmt sind. Conrad macht sie mit dem Buch The Velvet Underground von Michael Leigh bekannt. Der Titel wird zum Namen ihrer nächsten Band, die bald von Andy Warhol gefördert und im Weiteren für dessen künstlerische Zwecke eingesetzt werden sollte. Nach deren Gründung (1965) wechselt Conrad jedoch zum Film und produziert The Flicker.

Während das Auge in The Flicker die Flimmereffekte kaum verarbeiten kann und das überreizte Organ Trugbilder produziert, kultiviert Conrad in der Drone-Musik das genau gegenteilige Verfahren: Hier ist es die radikale Zeitdehnung, während der das Klangvolumen eines ultimativ lange gehaltenen Tons zu räumlicher Wirkmacht anschwillt und eine bohrende Intensität akustischer Überlagerungen entwickelt.

1973 arbeitet Conrad mit der Krautrockband Faust zusammen. Für das Album Outside the Dream Syndicate realisieren sie gemeinsam einen Mix aus minimalistisch schneidendem Drone mit der monotonen Taktung von Faust.

1995 erscheint Conrads Studioalbum Slapping Pythagoras. Hierfür instruiert er sechs Gitarristen, die Saiten ihrer horizontal vor ihnen liegenden Instrumente auf den gleichen Grundton einzustimmen und dronemäßig anzuschlagen, begleitet von einem 60-Hertz-Grundton in mörderischer Lautstärke aus sechs Verstärkern.

Autor_in: Doris Leutgeb

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Tony Conrad

MOCA Los Angeles, 12. 3. 1998, mit Tony Conrad, 14:28 min

Film: Tyler Hubby

Conrad spielt die Saiten seiner Geige an, mitunter zwei gleichzeitig streichend, und hält die Töne so lange wie möglich. Durch geringfügige Veränderungen von Druck und Position seiner linken Hand auf dem Griffbrett der Geige manipuliert er das Ergebnis zu extremer Verstärkung. Durch die lange Dauer beginnen sich die Frequenzen zu überlagern und produzieren rhythmische Schwingungen.

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Als Einflüsse für die reine Stimmung der Violine und die dadurch möglichen klanglichen Polyfonien sowie für sein verlangsamtes Spiel nennt Conrad den Geiger Ronald Knudsen, die Mysterien- oder Rosenkranzsonaten des Geigers und Komponisten Heinrich Ignaz Biber (1644–1704) sowie klassische indische Musik.

Autor_in: Doris Leutgeb

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Autor_in:

Doris Leutgeb