The Wired Salutation

2013 formiert

Biografie

Angela Bulloch

geboren 1966 in Ontario, Kanada; lebt in Berlin

1985–1988 Studium am Goldsmiths College in London

1988 Beteiligung an der bahnbrechenden Ausstellung Freeze, kuratiert von Damien Hirst

1990er-Jahre gehört zum Kreis der Young British Artists

1997 Nominierung für den britischen Turner Prize

2001–2002 Gastprofessur an der Akademie der bildenden Künste Wien

Bildende Kunst

Bildende Kunst

In ihren Skulpturen und raumgreifenden Installationen setzt Angela Bulloch Licht, Architektur, Text, Musik, Video und Robotik ein, um bestimmte Atmosphären zu erzeugen. Dabei operiert sie bevorzugt mit elementaren geometrischen Formen und spielt mit optischen Effekten. Den konzeptuellen Ausgangspunkt ihrer Arbeit bildet eine kritische Reflexion von Systemen und Regeln, die gesellschaftliches Zusammenleben strukturieren und ordnen sollen und im Alltag allgegenwärtig sind, wie Verkehrsampeln, Zebrastreifen, Hausordnungen und vieles mehr.

...mehr/Abbildungen

Bullochs pixel boxes sind ursprünglich aus Holz und mittlerweile aus Metall gefertigte dreidimensionale Würfel mit einer Kunststofffrontscheibe. In ihnen befinden sich jeweils farbige Lichtquellen, mittels deren die Kuben in sanft pulsierenden Farben leuchten. Pixel verweist auf »picture element« als die einzelnen Farbwerte eines Bildschirms. Als Module konzipiert, können Bullochs pixel boxes wie zu Bildschirmen bis zur Größe einer Kinoleinwand, aber auch in Würfel- oder Säulenform zusammengefügt werden. Diese Arrangements wiederum kombiniert die Künstlerin zu raumfüllenden Installationen, in denen bis zu 16 Millionen Farbabfolgen programmiert werden können, die atmosphärische Lichtstimmungen erzeugen.

Nicht selten integriert Bulloch in ihre Ausstellungen Musik, unter anderem in Form von Hörstationen, die jeweils in einer Farbe gestaltet sind, wie zuletzt ihre Small Red Music Listening Station (2017) in der Galerie Simon Lee. In den 1990er-Jahren schuf sie Drawing Machines, bei denen Geräusche im Raum Impulsgeber für die von diesen Objekten gezeichneten Kreise und Kritzeleien sind. Auslöser waren dabei entweder die Laute der Bewegungen der Besucher_innen oder über Schallplatten abgespielte Musik, welche die Künstlerin speziell zu diesem Zweck beauftragt und auf ihrem eigenen Label ABCDLP herausgebracht hat.

Autor_in: Daniela Hahn

...weniger
Musik

Musik

Bulloch lernte als Kind Klavier spielen. Mit den Young British Artists, einer Generation, die mit Popkultur aufgewachsen ist, verband sie ihre rege Beteiligung an der Musikszene. Mit ihren Studien- und Künstlerkolleg_innen stand sie in Jamsessions auf der Bühne und spielte Bassgitarre. In den 1990er-Jahren war sie Bandmitglied bei Big Bottom, einer Gründung der renommierten Musikerin Susan Stenger. 2013 formiert sie mit David Grubbs die Band The Wired Salutation – der Titel wäre laut Bulloch mit »elektrisches Hallo« zu übersetzen. In den 2000er-Jahren gründet sie ihr Label ABCDLP.

...mehr

Bereits 1989 betrieb sie gemeinsam mit Freunden einen Club in der Greek Street in Soho im Herzen Londons, wo DJs und Musikbands auftraten. Bulloch selbst stand mit einer Bassgitarre auf der Bühne und improvisierte mit anderen in »krud-chaotischem Stil« (Bulloch). Seit den 1990er-Jahren tritt sie auch als DJ auf, unter anderem bei Ausstellungseröffnungen, wo sie Musik als wichtiges Element des »Erlebnisses Vernissage« begreift.

Von Beginn weg ist Bulloch Teil der Band Big Bottom, die 1997 auf Initiative von Susan Stenger gegründet worden war. Die ausgebildete Musikerin Stenger kommt von der experimentellen und Minimal Music. Sie hatte schon mit John Cage, Tony Conrad, Christian Wolff und Phill Niblock gearbeitet und ist Mitbegründerin der New Yorker Alternative-Rock-Formation Band of Susans. Aus dieser spezifischen Tradition heraus wollte sie wieder mit bildenden Künstler_innen arbeiten und musizieren. Bulloch führt weiter aus: »Ich bin Skulpturkünstlerin. Ich arbeite mit Formen im Raum und deren Wahrnehmung, und daher behandle ich auch Sound im räumlichen Gefüge wie eine meiner Skulpturen.« Das auf diese Art sich entwickelnde Experimentieren und Dilettieren reizte die Musikerin Susan Stenger.

Big Bottom bestand ausschließlich aus fünf elektrischen Bassgitarren und einer Drum-Maschine. Neben Stenger und Bulloch spielten auch die bildenden Künstler Cerith Wyn Evans, Tom Gidley und der Bassist J. Mitch Flacko in der Band. Stellvertretend für das sechste Mitglied – Sarah Lucas – war anfangs eine Kartonpuppe dabei. Teilweise spielten auch Gina Birch von der britischen Postpunk- und experimentellen Rockband The Raincoats und Alexander Hacke von der legendären Berliner Band Einstürzende Neubauten mit. Erklärtes Ziel der Band war es, »to thrash and trash the bottom end of rock«. Schon ein Jahr nach ihrer Formierung traten sie in der Comebacktour current/See des renommierten schottischen Tänzers und Choreografen Michael Clark auf, eines Schülers von Merce Cunningham. Big Bottom stand bei der Show zwischen Balletttänzer_innen in einer lebhaften Choreografie auf der Bühne. Ihr letztes Konzert spielten sie in der Volksbühne Berlin als Vorband der britischen Avantgardekunst- und Rockgruppe Throbbing Gristle am Silvesterabend 2005.

Später folgte das Musikprojekt The Wired Salutation als Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Musiker David Grubbs (geboren 1967 in Louisville, Kentucky). Gründungsmitglied der Bands Squirrel Bait, Bastro wie Gastr del Sol, spielte er unter anderem bei The Red Krayola sowie mit den bildenden Künstler_innen Anthony McCall, Stephen Prina und Cosima von Bonin. 2014 veröffentliche er das Buch Records Ruin the Landscape: John Cage, the Sixties, and Sound Recording, in welchem er dem Wandel von Hörpraktiken nachgeht. Weitere Bandmitglieder von The Wired Salutation sind die italienischen Musiker Andrea Belfi und Stefano Pilia, mit denen Grubbs bereits 2009 auftrat. Ihren ersten Auftritt hatte die Band 2013 im Centre Pompidou in Paris.

Seit etwa zehn Jahren betreibt Bulloch auch ein eigenes Plattenlabel, ABCDLP (http://www.angelabulloch.com). Die Covers der bisher veröffentlichten fünf LPs sind farblich monochrom gehalten und mit Editionsnummern versehen. Bulloch beauftragte Musiker wie George van Dan und Justus Köhncke mit Musikstücken und Kompositionen. Die erste Platte war ein von Justus Köhncke zusammengestellter, für DJ-Sets geeigneter Remix eines Liedes, zu dem Bulloch eine Hülle im »Discolook« gestaltete. Unter den von ABCDLP herausgegebenen Platten findet sich auch eine von Bullochs Bandkollegen von The Wired Salutation. Die Platten sind ein wesentlicher Bestandteil ihrer Kunstinstallationen und werden auch in Hinblick darauf beauftragt. Auf die Frage, ob sie die Platten als Musik oder bildende Kunst erachtet, antwortet Bulloch gelassen: »Darin sehe ich keinen Unterschied, es ist eine Musikplatte.«

Autor_in: Daniela Hahn

...weniger
In der Ausstellung

In der Ausstellung

The Wired Salutation

Theater der Künste, Zürich, 18. 2. 2016, mit Andrea Belfi (perc., elect.), Angela Bulloch (bass guit.), David Grubbs (guit.), Stefano Pilia (guit.), 3:46 min

präsentiert von Galerie Presenhuber und Migros Museum

Film: Heinrich Schmidt, Vernissage TV

Die Musik von The Wired Salutation greift verschiedene Stile auf: von Minimal Music über Rock bis hin zu Ambient. Das Klangbild ist geprägt von sich wiederholenden Bassläufen und lang gezogenen sphärischen Klängen, wobei The Wired Salutation auch andere Musikstücke covert. Begleitet von Angela Bulloch und den beiden Musikern Andrea Belfi und Stefano Pilia, repetiert David Grubbs in seinem Gitarrenspiel melodische Figuren mit minimalen Verschiebungen, wobei seine mäandernden Melodien eine Art Endlosschleife ergeben. Der komplexe und ungewöhnliche Sound ergibt sich weniger durch ein kompositorisches als ein performatives Agieren.

Von Bulloch gestaltete, technisch aufwendige Bühnenshows, die das musikalische Geschehen durch Licht und Animationsvideos erweitern, kennzeichnen die Auftritte dieser Band. Im Hintergrund läuft immer ein großformatiges Video, das Second-Life-artige 3-D-Avatare aller Bandmitglieder vor einem isometrisch gekachelten Grund zeigt. Jede_r digitale Doppelgänger_in repetiert jeweils eine Geste und wirkt damit analog dem musikalischen Geschehen wie in einem Loop gefangen.

Autor_in:

Daniela Hahn