Wolfgang Tillmans

geboren 1968 in Remscheid, Deutschland; lebt in Berlin und London

Biografie

1990–1992 Studium am Bournemouth and Poole College of Art and Design, Bournemouth

1995 Kunstpreis ars viva

2000 Turner-Preisträger (als erster Fotokünstler)

2003–2009 Professor an der Städelschule, Frankfurt am Main

2009 Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie

2014 Wollaston Award, Royal Academy of Arts, London

2015 Hasselblad Foundation International Award in Photography, Göteborg, Schweden

2017 B.Z.-Kulturpreis, Berlin

2018 Kaiserring – Kunstpreis der Stadt Goslar

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Wolfgang Tillmans begann in den späten 1980er-Jahren, damals in Hamburg lebend, im Umfeld der lokalen Musik- und Jugendkultur Porträtfotografien seines Freundes- und Bekanntenkreises anzufertigen. Alsbald erschienen diese empathischen, stets auf Feinheiten bedachten Momentaufnahmen, die sich sukzessive auf das deutsche und britische Rave- beziehungsweise Gay-Culture-Umfeld ausweiteten, in Musik- und Lifestylemagazinen wie i-D oder Spex (bei letzterem fungierte Tillmans vorübergehend auch als Mitherausgeber). Einfühlsame Porträtreihen, etwa über die beiden Freunde Lutz & Alex, sowie subtile, nicht auf sensationalistische Exzessmomente abzielende Szenen aus Rave- und Clubzusammenhängen festigten seinen Ruf eines »Chronisten seiner Generation«.

Zugleich ist Tillmans’ fotografischer Zugang, fern jedes Eskapismus und jeder stilistischen Entrücktheit, vom Anspruch geprägt, Wirklichkeit und mithin Momente lebensweltlicher Wahrheit erfassen zu wollen. Dementsprechend kam es auch zu einer kontinuierlichen Erweiterung seines Repertoires. Dieses begann sich ab den späten 1990er-Jahren – nebst Landschaftsaufnahmen, Stillleben oder Himmelskörpern – auf nicht mit der Kamera, einzig im Labor hergestellte Abstraktionen sowie skulpturale Arbeiten mit Papierrollen beziehungsweise gefaltetem Fotopapier auszudehnen. Auch das Einbeziehen analoger Fotokopiertechnik (im Rückgriff auf frühe Experimente in den 1980er-Jahren) charakterisiert seine nimmermüde Ausstellungstätigkeit der letzten beiden Dekaden. Diese zeichnet sich durch sorgsam arrangierte Wandtableaus ebenso aus wie beispielsweise durch Tischarbeiten, in denen unterschiedlichste Foto- und Bildformate miteinander kombiniert werden (Truth Study Center, das 2005 in Buchform erschien und seither immer wieder Teil von Ausstellungen ist). Seit 2009 nutzt Tillmans die Digitaltechnologie, die in seiner Konzeption eng verknüpft ist mit einem neuen Blick auf ein globalisiertes Bildregime, das sich jeder Fixiertheit entzieht.

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Autor_in: Christian Höller

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Musik

Musik

Wolfgang Tillmans verfolgte bereits 1986 als damals 18-Jähriger zusammen mit dem Multiinstrumentalisten Bert Leßmann (2013 verstorben) ein Musikprojekt; man traf sich zu Aufnahmesessions in Remscheid und Wuppertal. Diese Aufnahmen, vom Stil her düster gefärbter Indierock auf Synthiebasis, brachte Tillmans 30 Jahre später im Zuge der Wiederbelebung seiner musikalischen Tätigkeit an die Öffentlichkeit. Gemeinsam mit zwei neu eingespielten Stücken – Tillmans fungiert durchgehend als Sänger – bildeten sie den Auftakt zu einer Reihe von Releases und Auftritten, die der Fotokünstler seither regelmäßig absolviert. 2016 sollte dies zu der Bandformation (und gleichnamigen Labelgründung) Fragile führen. In umfassender Besetzung wurde die EP That’s Desire / Here We Are eingespielt, zu der ein aus sechs Einzelvideos bestehendes »Visual Album« produziert wurde. Eingestreut in die nun stärker danceorientierten Tracks ist erneut ein Stück aus dem Jahr 1986 (»Fast Lane«), das eine Klammer zu Tillmans’ ersten musikalischen Ansätzen bildet. 2017 spielte Tillmans ein stark gesang- beziehungsweise stimmebasiertes Album mit dem Titel Hamburg Süd / Nee I Yaow eow eow ein, das zugleich »Soundtrack« seiner Ausstellung im Kunstverein Hamburg war. 2018 folgte die EP Heute will ich frei sein, zu der erneut ein in Eigenregie gefertigtes, aus fünf Einzelvideos bestehendes »visuelles Album« erstellt wurde.

In der Ausstellung

In der Ausstellung

Wolfgang Tillmans

South Tanks, Tate Modern, London, 3. 3. 2017, mit Wolfgang Tillmans (voc.) und Kyle Combs, Juan Pablo Echeverri, Tim Knapp, Jay Pluck und Tom Roach, 4:45 min

Tate © Tate Digital 2018

Am 3. März 2017 trat Tillmans anlässlich seiner Retrospektive in der Londoner Tate Modern mit seiner Band Fragile auf. Als Auftakt einer einwöchigen, vom Künstler zusammengestellten Konzertreihe geben Fragile im Ausstellungsbeitrag zwei Kostproben ihres vielfältigen Repertoires. Zunächst eine Coverversion des linken Sacropopklassikers »Anderes Osterlied«, der 1970 vom Peter-Janssens-Ensemble aufgenommen wurde. Zu einem knappen, eingängigen Gitarrenriff intoniert Tillmans in semiagitatorischen Tonfall Zeilen, in denen Befreiungstheologie und Revolutionsaufruf dicht beieinanderliegen: »Das könnte den Herren der Welt ja so passen / Wenn erst nach dem Tod Gerechtigkeit käme …«

Den Gegenpol bildet das droneartige Stück »Naive Me«, das, 2016 geschrieben, atmosphärisch den Brexit in den Fokus nimmt, den kaum jemand für möglich gehalten hätte. Tillmans’ Sprechgesang wendet sich hier reflexhaft auf sich selber zurück und beginnt, wenn auch nur kurz, in sich zu kreisen (»naive me – me naive«). Währenddessen lässt die fünfköpfige Band zurückhaltend-temperiert unheilvolle Soundschwaden von Stapel, bis das Ankämpfen gegen die Ratlosigkeit in die schlusspunktartige Coda mündet: »How did we get into this shit?«