Yoko Ono

geboren 1933 in Tokio; lebt in New York

Biografie

Verbringt ihre Jugend aus familiären Gründen wechselnd in Japan und den USA

1952–1955 Studium, zunächst Philosophie, als erste Frau an der Gakushuin-Universität in Tokio, nach zwei Semestern Umzug nach New York, einige Semester am Sarah Lawrence College, mit Schwerpunkten zeitgenössische Dichtung und Komposition

Seit den 1960er-Jahren enge Verbindung zur New Yorker Avantgardeszene

Lernt 1966 in London John Lennon kennen, den sie 1969 heiratet; Arbeit als Künstlerpaar (mit Unterbrechungen) bis zu Lennons Ermordung 1980; gemeinsam nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch in der Friedensbewegung aktiv (Bed In, 1969)

Ab den 1990er-Jahren wieder verstärkte Ausstellungstätigkeit
2000 erste umfassende Museumsretrospektive

2009 Ehrung für ihr Lebenswerk auf der Biennale Venedig

Bildende Kunst

Bildende Kunst

Yoko Ono arbeitet von Anfang an konzeptuell und spartenübergreifend. Ihre Arbeiten gehen aus sogenannten Instructions hervor, welche die Künstlerin selbst den Kategorien Musik, Malerei, Event, Poesie, Objekt, Film, Tanz und Architektur zuordnet.

Basierend auf den Instructions, entstehen in den 1960er-Jahren verschiedene Formen konzeptueller Malerei, darunter Painting to Be Stepped On, ein Gemälde, das auf dem Boden platziert und explizit betreten werden soll. Darüber hinaus entstehen Objekte aus Alltagsmaterialien und/oder Plexiglas.

Liveperformances finden vor allem im Zusammenhang mit Konzerten und Events des Kreises um George Maciunas und die Fluxus-Künstler_innen statt, darunter das berühmte Cut Piece (1964), in dem Ono regungslos auf der Bühne sitzt und das Publikum eingeladen ist, ihr stückweise die Kleidung vom Leib zu schneiden.

Ab 1966 arbeitet Ono auch mit Video und Film. Für Film No. 4 (Bottoms) filmt sie die Hinterteile zahlreicher freiwilliger Frauen und Männer, ein humorvolles »Porträt« ihrer Zeit und ihres Umfelds. Dagegen verfolgt in Rape (1969), ihrem erfolgreichsten Film, ein Kameramann eine junge Frau durch London, die angesichts des mitleidlosen und gewalttätigen Kamerablicks zunehmend die Nerven verliert und in Panik gerät. Bedrängung und existenzielle Grundängste werden auf brutale Weise offengelegt.

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In den 1970er- und 1980er-Jahren arbeitet Ono weniger in der bildenden Kunst, sondern widmet sich gemeinsamen Musikprojekten mit John Lennon. Erst ab den 1990er-Jahren verstärkt sie ihre bildnerische Tätigkeit wieder und schafft zunehmend raumgreifende Installationen, oft mit partizipativem Charakter.

Autor_in: Lisa Beißwanger

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Musik

Musik

Als Tochter eines ausgebildeten Konzertpianisten (jedoch als Banker tätig) erhält Ono schon in der Kindheit »klassisch-westlichen« Klavier- und Gesangsunterricht und besucht mit ihren Eltern das japanische Kabukitheater.

In den 1950er-Jahren knüpft sie in New York Kontakte zu Avantgardemusikern und Komponisten wie Stefan Wolpe, John Cage oder David Tudor. Ab 1955 entstehen erste Konzepte und Aufführungen zwischen Musik und Performance. Ab 1960 finden in ihrem New Yorker Loft Avantgardekonzerte statt, die von La Monte Young organisiert werden.

In den 1960er-Jahren folgen zahlreiche Auftritte und Aufführungen, oft im Rahmen von Fluxus-Konzerten. Eine klare Trennung zwischen musikalischem und bildnerischem Werk macht Ono dabei in den frühen 1960er-Jahren noch nicht. Instructions oder Scores werden von Ono selbst, aber auch von anderen aufgeführt.

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Durch John Lennon bekommt Ono ab 1966 Kontakt zur Popmusik. Es folgen zahlreiche Aufnahmen und Veröffentlichungen als Künstlerpaar. Erstes gemeinsames Album ist Unfinished Music No. 1: Two Virgins von 1968, Onos erstes Soloalbum, Fly, erscheint 1971. Charakteristisch für Ono ist das Ausreizen des Spektrums ihrer Stimme zwischen Gesang und Geräusch, etwa durch Schreien, Leiern, Husten oder Krächzen.

Ab 1966 beginnt die Künstlerin zunehmend zwischen musikalischem und bildnerischem Werk zu trennen. 1969 erfolgt die Gründung der Plastic Ono Band, einer der ersten Rocksupergruppen mit wechselnden Mitgliedern, darunter Ringo Starr und Eric Clapton. Es folgen mehrere Veröffentlichungen von Singles und Langspielplatten und verschiedene Auftritte, meist gemeinsam mit John Lennon, etwa 1969 Live Peace in Toronto.

Nach dem Tod Lennons 1980 durchläuft das (pop-)musikalische Werk Yoko Onos verschiedene Phasen, Synthesizer und technische Neuerungen kommen vermehrt zum Einsatz. Sie veröffentlicht ihre Musik auch zunehmend in digitalen Formaten. Bis heute absolviert Ono zahlreiche Konzertauftritte. Eine Besonderheit sind die vielzähligen Kooperationen mit anderen Musiker_innen, darunter Sonic Youth, The Flaming Lips, Antony/Anohni, Rufus Wainwright, Peaches oder Lady Gaga.

Autor_in: Lisa Beißwanger

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In der Ausstellung

In der Ausstellung

Yoko Ono, Voice Piece for Soprano / Gesangsstück für Sopran, 1961

MoMA, New York, Sommer 2010, mit Yoko Ono, 2:25 min

Die Instruction für Voice Piece for Soprano (1961) lautet:

»Scream.
1. against the wind
2. against the wall
3. against the sky.«

Jede_r kann dieses Stück selbst interpretieren und aufführen. Ono selbst hat das Konzept bereits an verschiedenen Orten umgesetzt, zuletzt auch als partizipative Installation mit einem offenen Mikrofon im Atrium des Museum of Modern Art in New York.

Essay

Essay

Yoko Ono: Music of the Mind

Lisa Beißwanger

DIE ANFÄNGE

Yoko Ono – die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt (Zitat John Lennon) – wird inzwischen für ihre wegweisenden Werke der Performance- und Konzeptkunst gewürdigt, die ab den späten 1950er Jahren im losen Zusammenhang mit der Fluxusbewegung entstanden sind. Ihr umfangreiches musikalisches Schaffen wiederum bleibt weiterhin nahezu unbekannt. Dabei bildet die Musik das Fundament ihres künstlerischen Schaffens und begleitete sie von Kindheit an. Aufgewachsen in Japan und den USA als Tochter einer wohlhabenden japanischen Familie, erhielt sie klassischen Klavierunterricht und besuchte mit ihrer Mutter das traditionelle Kabuki Theater, dessen für westliche Ohren ungewöhnlichen Geräuschkulissen ebenso wie die sogenannten Enkas, eine Art japanischer Schlager, zu ihrer frühen musikalischen Bildung beitrugen. Bei genauem Hören bleiben die Einflüsse vor allem japanischer Musik in Onos musikalischem Werk präsent, obwohl sie spätestens in ihren Studienjahren der traditionellen Musikproduktion den Rücken kehrte.

FLUXUS – IM BANN DER NACHKRIEGSAVANTGARDE

Fest entschlossen Komponistin zu werden, besuchte Yoko Ono unterschiedliche Hochschulen und traf auf verschiedene Mentoren und Gleichgesinnte, darunter John Cage und David Tudor. Obwohl sie sich selbst nie der Fluxus-Bewegung zuschrieb, bewegte sie sich in diesen Kreisen und ihr New Yorker Loft wurde zum Treffpunkt für Avantgarde-Künstlern_innen, die das gemeinsame Ziel verfolgten, die Grenzen zwischen den Kunstformen oder gleich zwischen Kunst und Leben aufzulösen. In diesem Kontext entstanden ihre ersten eigenen Kompositionen in Form musikalischer Notationen, in welchen sie anstatt Noten Worte nutze und die sie selbst als Instructions bezeichnete. Musikalische Konzeptkunst also, die nicht nur von ihr selbst, sondern auch von anderen umgesetzt werden konnte. Eine Sammlung dieser Instructions erschien 1964 in ihrem berühmten Künstlerbuch Grapefruit, darin auch ihr frühes Musikstück Voice Piece for Soprano (1961):

Was auf den ersten Blick aussieht wie ein Gedicht, kann in die Tat umgesetzt ein Protestschrei sein, eine persönliche Befreiung und eben auch Musik. Eine historische Aufnahme des Stücks von Ono ist nicht überliefert, nur eine S/W-Fotografie. Sie hat das Stück aber immer wieder aufgeführt und von neueren Aufführungen existieren Aufzeichnungen (z.B. MoMA 01.12.2017).

AVANTGARDE TRIFFT POP

Die Begegnung mit John Lennon bedeutete einen Einschnitt in Yoko Onos musikalisches Schaffen – und in seines. Als sich Ono und Lennon im Rahmen ihres Ausstellungsdebuts in London 1966 erstmals begegnen, wusste sie nicht wer er war. Popmusik interessierte sie zu dem Zeitpunkt nicht, erst durch den Beatle lernte sie diese Ausdrucksform kennen und schätzen. Ono wiederum konnte Lennons bereits bestehendes Interesse an neuer Kunst und Avantgardemusik bedienen. Bald kommt zur ersten Zusammenarbeit, die sich als LP, Onos ersten veröffentlichten Platte, manifestierte. Um die Entstehung der Platte Unfinished Music No. 1: Two Virgins (01.12.2017) ranken sich Legenden. Aufgenommen wurde das Album angeblich in einer einzigen Nacht, am 20. Mai 1968, bei John Lennon zuhause. Wie hört sich das an, wenn Pop und Avantgarde aufeinandertreffen? Genial und unhörbar zugleich: Sprach- und Gesangsequenzen wechseln sich ab, begleitet von einem Klavier, atmosphärischen Gitarrenklängen, Alltagsgeräuschen, elektronischen Störgeräuschen und Verzerrungen. Die Beatles-Generation war entsetzt und scheint noch nicht bereit gewesen zu sein für so viel Avantgarde. Sie konnten ja nicht wissen, dass das Künstlerpaar mit dieser Aufnahme Strategien vorwegnahm, die erst Jahrzehnte später von anderen Musikern/-innen aufgegriffen werden sollten. So handelt es sich um das erste Home Recording der Popgeschichte – inklusive der rauschenden LowFi-Ästhetik, die in 1990er-Jahren populär wurde und dem Noise-Sound von Bands wie Sonic Youth aus den 1980ern. Trotz oder wegen des aufsehenerregenden Plattencovers, das die beiden nackt von vorn und von hinten zeigt, landete das Album im Giftschrank der Plattenläden und wurde ein kommerzieller Flopp. Auch weiteren gemeinsamen Alben wie auch Onos Soloplatten war zunächst wenig Erfolg beschieden.

UMARMUNG DES MAINSTREAMS

Happy Xmas (war is over) (1972) war im Gegensatz dazu Onos und Lennons größter gemeinsamer Pop-Erfolg. Der Song wurde zu einem der weltweit bekanntesten Weihnachtslieder, ein Ohrwurm und ein Monument der Antikriegsbewegung für die es entstanden ist. Der Song war auch Anlass zur Gründung der Plastic Ono Band, eine Art Rock-Supergroup, wie sie damals vielerorts entstanden. Die Zusammensetzung der Band ist bis heute nicht festgelegt. Neben Ono und Lennon waren zeitweise darin vertreten: Eric Clapton als Gitarrist, Klaus Voormann als Bassist, und Alan White, später Ringo Starr am Schlagzeug. Nach dem gewaltsamen Tod John Lennons veröffentlicht Ono ihr Soloalbum Season of Glass. Darauf befindet sich auch der Song Walking on Thin Ice (01.12.2017), der, wie Lennon das kurz vor seinem Tod prophezeit hatte, Onos erster No. 1 Hit wurde. Mit seinen eingängigen Synthie-Disco-Beats kündigt der Song unverkennbar die 1980er Jahre an. Obwohl das Album vor dem Tod Lennons entstanden war, sind das umstrittenen Plattencover; das seine blutverschmierte Brille zeigt sowie das Musikvideo zu Walking on Thin Ice; als visuelle Verarbeitung der traumatischen Ereignisse zu lesen.

ONO ALS ARTIST’S ARTIST

Yoko Ono hat während ihrer gesamten künstlerischen Laufbahn durchgehend Musik produziert und veröffentlicht und tut dies bis heute. Auch wenn sie in der breiten Öffentlichkeit dafür wenig Anerkennung gefunden hat, wurde sie von Künstler_innenkollengen_innen umso mehr dafür geschätzt. Als artist’s artist hat sie nicht nur Generationen an experimentierfreudigen Musiker_innen inspiriert, sondern auch mit vielen von ihnen zusammengearbeitet. Zahlreiche Konzertaufzeichnungen und Veröffentlichungen zeugen davon. Zu ihren Kollaborateuren_innen gehören unter anderem so namhafte Künstler_innen wie Anthony Hegarty, Sonic Youth, The Flaming Lips, Peaches oder Lady Gaga.